"Superman wird niemals sein Auto im Parkverbot
abstellen, und er wird
niemals revolutionär sein."
(Eco: S. 17)
"Der Begriff der freien Meinungsäußerung, ja der geistigen
Freiheit selber in der bürgerlichen Gesellschaft [..] hat seine eigene
Dialektik. Denn während der Geist der theologisch-feudalen Bevormundung
sich entwand, ist er kraft der fortschreitenden Vergesellschaftung aller
Beziehungen zwischen den Menschen mehr stets einer anonymen Kontrolle durch die
bestehenden Verhältnisse verfallen, die ihm nicht nur äußerlich
widerfuhr, sondern in seine immanente Beschaffenheit einwanderte. Im autonomen
Geist setzen jene so unerbittlich sich durch, wie vordem im gebundenen die
heteronomen Ordnungen."
(KuG, S. 9)
Auch das Adornosche Verständnis von Besonderem und Allgemeinem legt nahe,
in der Kultur und ihren Phänomenen Momente zu vermuten, die zum sie
produzierenden Gesamtsystem wenigstens strukturanalog sind.
Aus den Widersprüchen der Gesellschaft folgt nach dieser Analogie das
spezielle Verständnis von Kultur als eine in sich antagonistische,
ihren eigenen Begriff dialektisch widerlegende und bestenfalls transzendierende
Angelegenheit. Ihre Reflexion sollte somit für das Selbstverständnis
von Philosophie als "geistige Tätigkeit" und Teil der Kultur unverzichtbar
sein, ebenso wie für eine Gesellschaftstheorie, die auf die
Selbstbewußtwerdung des originären Defizits von Kultur und eine aus
ihr motivierte Aufhebung der zugrundeliegenden Trennung (s.o.) hoffen
muß.
"das Beharren auf Unabhängigkeit und Autonomie, auf der Trennung vom geltenden Reich der Zwecke impliziert, als bewußtloses Element zumindest, die Anweisung auf einen Zustand, in dem Freiheit realisiert wäre. [...] Aber solche Konzentration auf die absolut eigene Substanz [..] arbeitet zugleich an der Aushöhlung jener Substanz. [...] Durch Resignation gegenüber der Fatalität des Lebensprozesses, und um wieviel mehr noch durch Abdichtung als ein Sonderbereich unter anderen, steht er [der Geist] dem bloß Seienden bei und wird selbst zu einem bloß Seienden. [...] Was an Kultur Verfall dünkt, ist ihr reines zu sich selber Kommen." (KuG, S. 12f)
Kultur bietet also auch den Schlüssel zur Erkenntnis der gesamten Situation und vielleicht zu deren Veränderung. Denn nur der Geist, die autonomen Subjekte, sind sie sich ihrer herzustellenden[3] Autonomie einmal bewußt geworden, können dieses Bewußtsein auch in eine andere, neue Gesellschaftsordnung überführen. Die aktuelle Bildung, ebensowohl wie die aktuelle Mißbildung des Bewußtseins findet denn auch tatsächlich in der Sphäre der Kultur statt[4].
"Zugleich aber hat die dialektische Theorie, will sie nicht dem Ökonomismus verfallen und einer Gesinnung, welche glaubt, die Veränderung der Welt erschöpfe sich in der Steigerung der Produktion, die Verpflichtung, die Kulturkritik in sich aufzunehmen, die wahr ist, indem sie die Unwahrheit zum Bewußtsein ihrer selbst bringt. Zeigt sich die dialektische Theorie an der Kultur als bloßem Epiphänomen sich desinteressiert, so trägt sie dazu bei, daß das kulturelle Unwesen fortwuchert, und wirkt mit an der Reproduktion des Schlechten." (KuG, S. 18)
"Gerade weil Kultur das Prinzip von Harmonie in der antagonistischen Gesellschaft zu deren Verklärung als geltend behauptet, kann sie die Konfrontation der Gesellschaft mit ihrem eigenen Harmoniebegriff nicht vermeiden und stößt dabei auf Disharmonie." (KuG, S.17)
Theoretische Betrachtungen über die Gesellschaft sollten sich somit an den
(Kultur-)Erzeugnissen der Gesellschaft festmachen und überprüfen
lassen. Auch können sie eventuell Aufschlüsse und Implikationen
bezüglich einer möglichen oder wahrscheinlichen Veränderung -
sei's zum Guten oder zum Schlechten - geben.
Es spiegelt sich also auch in der Kulturbetrachtung und dem Verhältnis zu
Kulturkritik, empirischer Soziologie und z.B. Mediensoziologie der
interdisziplinäre Ansatz der "Frankfurter Schule" wieder:
- Die Fachdisziplinen informieren die Theorie, was in vorher unmögliche
theoretische Betrachtungen münden kann.
- Die Theorie informiert die Fachdisziplinen über sich selbst.
- Die Fachdisziplinen korrigieren, belegen oder falsifizieren die Theorie durch
(z.B. empirische) Forschungsergebnisse.
- Die Theorie gibt den Fachdisziplinen Fragestellungen an die Hand.
Aus der besonderen Perspektive und Tradition der Kritischen Theorie ergibt sich
noch eine weitere, speziellere Motivation (und Fragestellung) der Kulturkritik,
die hier, da sie im Grunde recht trivial ist, nur angerissen werden soll:
Wenn man nämlich mit Marx die Grundproblematik der Gesellschaft in der
Klassenordnung und dem kapitalistischen Wirtschaftssystem verursacht sieht
(s.o.), und sich die Hoffnung auf die Entwicklung eines
Klassenbewußtseins und die Selbstbefreiung des unterdrückten
Proletariats zusammenzieht, stellt sich sehr schnell die Frage nach dem
"Ausbleiben der Revolution". Spätestens das Dritte Reich hat die Marxsche
Prognose radikal widerlegt, und auch ökonomische wie politologische
Untersuchungen, etwa Friedrich Pollocks, zeigen eine ungeahnt krisenfeste
Konstitution des Kapitalismus.
Neben den wirtschaftlichen "Krisenmanagementmechanismen" erfordern demnach die
unterschätzten Integrationsleistungen der Kultur im kapitalistischen
System, die Adorno und Horkheimer zum großen Teil für jenes
Ausbleiben verantwortlich machen, eine genaue Untersuchung.
a) Von welchem Standort aus sollte die Kritik erfolgen ?
Kann der Kulturkritiker sich von den Deformationen, die er der Kultur
und den "Kulturkonsumenten" vorwirft, überhaupt selbst freisprechen? Je
entschiedener die Vorwürfe einer totalen Herrschaft von "falscher" Kultur
sind, desto fragwürdiger wird der Rechtstitel, den er reklamiert, die
Basis, auf der er zu stehen behauptet. Wenn er z.B. dem Fernsehen vorwirft, es
reproduziere ein von den wirklichen gesellschaftlichen Kräften diktiertes
falsches Bild der Wirklichkeit, so wirft sich damit die Frage auf, wie er
dessen innewerden konnte - an welcher Stelle der Schein als solcher zutage
tritt.
"Eitel aber wäre auch die Einbildung, irgend jemand - und damit meint man immer sich selber - wäre von der Tendenz zur sozialisierten Halbbildung[5] ausgenommen. Was mit Fug Fortschritt des Bewußtseins heißen darf, die illusionslos kritische Einsicht in das, was ist, geht mit Bildungsverlust zusammen; Nüchternheit und traditionelle Bildung sind unvereinbar. [...] Zu visieren wäre ein Zustand, der weder Kultur beschwört, ihren Rest konserviert, noch sie abschafft, sondern der selber hinaus ist über den Gegensatz von Bildung und Unbildung, von Kultur und Natur." (ThHalbb: S.120)
b) Welchen Begriff von Kultur muß man zugrunde legen ?
Ist ein jeglicher Begriff von Kultur nicht selbst schon Ausdruck von
Verdinglichung, indem er vielfältige Erscheinungen unter einem "Ticket"
zusammenfaßt, klassifiziert, objektiviert und zu Verwaltungs- oder
Beurteilungszwecken von ihnen abstrahiert[6]? Zu
vermeiden wäre eine Kritik, die in ihrer eigenen Struktur oder in der des
angestrengten Kulturbegriffes der Kultur gerade das antut, was sie kritisieren
will.
"Die Aporie waltet zwischen der unabdingbaren Bestimmung des Kulturellen und der unabdingbaren Rationalität der Verwaltung. [...] Kultur ist der perennierende Einspruch des Besonderen gegen die Allgemeinheit, solange diese unversöhnt ist mit dem Besonderen. [...] Verwaltung aber repräsentiert notwendig, ohne subjektive Schuld und ohne individuellen Willen, das Allgemeine gegen das Besondere." (KuV: S. 128)
Kritik, mag sie sich noch so sehr gegen die Abschaffung der Kultur wehren,
müßte sich davor hüten, Kultur als ein Allgemeines zu
hypostasieren, sich auf ihre "Reste" unkritisch zu stürzen, um einen Rest
von Hoffnung zuzulassen. Besinnung sowohl auf den Begriff, wie auch
auf den jeweils konkreten Inhalt von Kultur und auf die historischen und
gesellschaftlichen Ursprünge beider[7]
muß der Kritik nicht bloß vorangehen, sondern sie in jedem Moment
durchdringen. Die Beziehung von Kultur auf (gesellschaftliche) Praxis ist nicht
nur der Kultur, sondern erst recht der Kulturkritik unabdingbar. In welcher
Weise etwa muß die Reflexion auf die suggerierte Trennung von
körperlicher und geistiger Sphäre in die Erwägungen eingehen?
Ein großes Anliegen von Kulturkritik muß sein, das in der Welt
wirkliche physische Leiden, das von Kultur leider oft verdrängt wird[8], zu vergegenwärtigen; seine Entstehung und
Begünstigung auch in kulturellen Phänomenen aufzuzeigen; den Anspruch
auf eine "versöhnte", glückliche Wirklichkeit durch den Kontrast der
tatsächlichen mit ihrem kulturellem Schein oder mit offengelegtem Grauen
aufrechtzuerhalten.
"Der Kulturkritiker kann kaum die Unterstellung vermeiden, er hätte die Kultur, welche dieser abgeht. Seine Eitelkeit kommt der ihren zu Hilfe: noch in der anklagenden Gebärde hält er die Idee von Kultur isoliert, unbefragt, dogmatisch fest. Er verschiebt den Angriff. Wo Verzweiflung und unmäßiges Leiden ist, soll darin bloß Geistiges, der Bewußtseinszustand der Menschheit, der Verfall der Norm sich anzeigen. Indem die Kritik darauf insistiert, gerät sie in Versuchung, das Unsagbare zu vergessen [..]." (KuG: S. 7)
"Jedenfalls hat der Begriff der Kultur durch die Emanzipation von den realen Lebensprozessen, die er mit dem Aufstieg des Bürgertums und der Aufklärung durchmachte, in weitem Maße sich neutralisiert. Seine Spitze gegenüber dem Bestehenden ist abgeschliffen. [...] Der Neutralisierungsvorgang, die Verwandlung von Kultur in ein Eigenständiges und der Beziehung auf mögliche Praxis Entäußertes, macht es dann möglich, sie dem Betrieb, von dem sie unermüdlich sich reinigt, widerspruchslos und ohne Gefahr einzupassen. Daran, daß heute extreme künstlerische Manifestationen von offiziellen Institutionen gefördert und vorgestellt werden können, ja daß sie es müssen, um überhaupt noch hervorgebracht zu werden und gar ein Publikum zu erreichen, während sie doch das Institutionelle, Offizielle denunzieren - daran läßt etwas von der Neutralisierung des Kulturellen ebenso wie von der Vereinbarkeit des Neutralisierten mit der Verwaltung sich ablesen. Indem der Kulturbegriff seine mögliche Beziehung auf Praxis einbüßt, wird er selbst ein Moment des Betriebs; das herausfordernd Unnütze daran wird zum toleriert Nichtigen oder gar zum schlechten Nützlichen, zum Schmieröl, zu einem für Anderes Seienden, zur Unwahrheit, den für Kunden kalkulierten Waren der Kulturindustrie." (KuV: S.132)
"Die Schwelle der dialektischen gegenüber der Kulturkritik aber ist, daß sie diese bis zur Aufhebung des Begriffs der Kultur selber steigert." (KuG: S.19)
c) Welches sind die Werte, auf die sich Kritik an der Kultur gründet
und wo sind sie herzunehmen ?
Nicht nur, daß eine totale Herrschaft und Manipulation des
Bewußtseins durch die schlechte Kultur den Blick auf die
Mißstände verstellte; wenn sie total ist, verhindert sie ebenso das
Emporkommen irgendwelcher "alternativer" Werte oder Vorstellungen davon, was
Kultur eigentlich sein sollte. In dem von Adorno trotzdem angebrachten Vorwurf,
die gegenwärtige, industriell produzierte Kultur verschleiere
gesellschaftliche Mißstände liegt zum einen die Überzeugung,
Kultur sei eine gesellschaftliche Praxis, kein bloßer geistiger
Überbau, zum anderen werden Werte zur Begründung der Kulturkritik
herangezogen, die sich primär an der Gestaltung der Gesellschaft
orientieren. Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit, Autonomie usw. bedeuten im
Kontext von Kulturkritik eine Praxis, welche eine Gesellschaft befördert,
in der jene Werte verwirklicht sind. Wie kommt der Kultur- und
Gesellschaftskritiker aber gerade zu diesem Satz von Werten?
"Wann immer Kulturkritik über Materialismus klagt, befördert sie den Glauben, die Sünde sei der Wunsch der Menschen nach Konsumgütern und nicht die Einrichtung des Ganzen, die sie ihnen vorenthält: Sattheit und nicht Hunger." (KuG: S.14)
"Es ist lächerlich, dem Kaugummi vorzuhalten, daß er den Hang zur Metaphysik beeinträchtige, aber es ließe sich wahrscheinlich zeigen, daß die Gewinne Wrigleys und sein Palast in Chicago in der gesellschaftlichen Funktion begründet waren, die Menschen mit den schlechten Verhältnissen zu versöhnen, sie von ihrer Kritik abzubringen. Nicht daß der Kaugummi der Metaphysik schadet, sondern daß er im Gegenteil selbst Metaphysik ist, gilt es klarzumachen." (Horkheimer zitiert nach Adorno in HUtopie: S.107)
d) Selbstreflexion von Kulturkritik als Moment der Kultur / Besinnung auf
ihre eigene Rolle
Kulturkritik ist selbst wieder eine "kulturelle Veranstaltung" - als
solche ist sie eingebunden in die Mißstände, die sie beklagt und der
von ihr kritisierten Gesinnung unter Umständen durchaus förderlich -
zum Beispiel durch eine bestimmte Art von Aufnahme der Kritik beim Publikum.
Jede Kritik eines Einzelmoments bekräftigte das Ganze. Ihr Widerstand wird
- gerade in einer "pluralistischen" Gesamtverfassung von Kultur - anything goes
- zum Loblied auf die Toleranz oder eben auf die Indifferenz des Kulturbetriebs
und seiner Rezipienten. Kritik muß also ihre eigene Rezeption immer mit
im Auge haben.
"Die berufsmäßigen Kritiker waren vorab "Berichterstatter": sie orientierten über den Markt geistiger Erzeugnisse. Dabei erlangten sie zuweilen Einsicht in die Sache, blieben jedoch stets auch Agenten des Verkehrs, im Einverständnis wo nicht mit dessen einzelnen Produkten so doch mit der Sphäre als solcher. Davon tragen sie die Spur, selbst wenn sie einmal aus der Rolle der Agenten herausgesprungen sind. [...] Nicht nur richtet der Geist auf seine marktmäßige Verkäuflichkeit sich ein und reproduziert damit die gesellschaftlich vorwaltenden Kategorien. Sondern er ähnelt objektiv dem Bestehenden sich an, auch wo er subjektiv nicht zur Ware sich macht." (KuG: S. 8f)
Eine pauschale Verurteilung von Kultur ist nicht nur müßig, sondern setzt sich sowohl über die Notwendigkeit wie auch über Möglichkeiten der Veränderung oder konstruktiven "Umleitung" der gegenwärtig phantastisch fortgeschrittenen Produktivkräfte hinweg. Als Praxis kann Kulturkritik eine Haltung anstreben und befördern, die zumindest gesteigerte Aufmerksamkeit gegenüber den angesprochenen Phänomenen mit sich bringt. Diese müssen dabei immer auch das Ganze der Gesellschaft und des Kulturbetriebes beinhalten. Dies erreichen kann Kulturkritik nur als ganz und gar kritische, die nichts, nicht einmal sich selbst, positiv bestehen läßt. Sie muß sich dagegen wehren, als in "Glätte zweiten Grades verwandelt" (Jazz: S. 119) zu wirken.
"Wahr ist Kultur bloß als implizit-kritische, und der Geist, der daran vergaß, rächt sich in den Kritikern, die er züchtet, an sich selber. Kritik ist ein unabdingbares Element der in sich widerspruchsvollen Kultur, bei aller Unwahrheit doch wieder so wahr wie die Kultur unwahr. Kritik tut unrecht nicht, sofern sie auflöst - das wäre noch das Beste an ihr -, sondern sofern sie durchs Nichtparieren pariert." (KuG: S. 11)
e) Die "Schuldfrage"
Ist der ganze zu kritisierende Vorgang einer, der in der Natur der
Dinge liegt oder haben hier wieder die berühmt-berüchtigten "Rackets"
die Hände im Spiel ? Es gilt, bei Kulturkritik einerseits eine simple
Verschwörungstheorie zu vermeiden, andererseits sehr genau zu
überdenken, wie weit man sich auf einen Determinismus einläßt.
Dies plausibel durchzuführen, ist meiner Ansicht nach nicht oder nur
unzureichend und inkonsequent geglückt. Da ich aber selbst keine Antwort
auf das Problem weiß, lasse ich es im Raum und im Hinterkopf stehen, wo
es vielleicht während der folgenden Betrachtungen im Seminar aufgegriffen
und diskutiert werden kann.
=> Das Maß für Kulturkritik, die Werte, die zur Beurteilung in
Anspruch genommen werden, sollen aus den Ansprüchen der jeweiligen Kultur
oder des jeweiligen Erzeugnisses selbst abgelesen werden, sie sollen "allein im
Ausgang von diesen tatsächlichen Bedingungen" (Eco) bestimmt werden.
Kulturkritik soll primär als "spontane Beziehung auf das Objekt" (KuG:
S. 25) erfolgen. Zuallererst bezieht sich das Verfahren auf werkimmanente
ästhetische Stringenz, das Verhältnis der einzelnen Momente im
Gebilde oder des Materials untereinander und zum ordnenden, die Einheit des
Werkes stiftenden Prinzip.
Die Herausarbeitung etwaiger Widersprüche oder einander entgegengesetzter
Tendenzen und ihre Spannung und Auflösung (bzw. die Banalität ihres
Nichtvorhandenseins) in dem übergreifenden Prinzip soll eine das Werk
übersteigende Dimension erlangen, die nicht "von außen" - etwa aus
der vermeintlichen oder offenkundigen Gesinnung des Autors oder auch aus der
des Kritikers - in es hineingelegt wird. Solche Widersprüche sind, so die
Meinung Adornos und Horkheimers in jedem kulturellen Gebilde zu finden. In
authentischer Kunst werden die Widersprüche des Daseins und der
Gesellschaft geradezu thematisiert, die Antagonismen zwischen
ästhetischem, autonome Geltung beanspruchenden Einzelmoment und dem
identitätsstiftenden Prinzip des Gesamtkunstwerks sind allein formal nicht
zu vermeiden. Aber selbst in betont konformistische "Unterhaltungsprodukte"
gehen unweigerlich einander widersprechende Hintergrundannahmen als
Verlängerung der gesellschaftlichen Antagonismen ein.[9]
In den im Objekt enthaltenen Momenten erlangt Kritik weitergehende
Erkenntnisse - aus dem Objekt durch das Objekt darüber hinaus gelangt
Kulturkritik im Idealfalle zu einem "Zustand, der weder Kultur
beschwört, ihren Rest konserviert, noch sie abschafft, sondern der selber
hinaus ist über den Gegensatz von Bildung und Unbildung, von Kultur und
Natur." (ThHalbb: S.120) Kritik bedeutet die Extraktion der im
Kulturgebilde beschwörten oder vorgegaukelten Werte und den Vergleich
dieses Anspruchs mit seiner Realisierung im Werk; oftmals die Analyse des
Bildes von Gesellschaft, das das Werk malt, im Vergleich zur jedem Kunstwerk
impliziten Stellungnahme des künstlerischen Ausdrucks.
Das steht in
krassem Gegensatz etwa zu einer Methode, die "dogmatisch" die
Übereinstimmung und Konformität eines kulturellen Gebildes mit von
vornherein formulierten Ideen und Ideologien fordert und das Werk verdammt,
wofern es dieser Forderung nicht nachkommt.[10]
=> Die Beziehung auf das gesellschaftliche Ganze soll trotzdem oder vielmehr gerade solchermaßen jedes Moment der Kulturkritik begleiten. Sie soll nicht an das Gebilde herangetragen werden, sondern aus der Analyse der werkimmanenten Widersprüche abgelesen werden.[11] Dieser Bezug zur gesellschaftlichen Realität ist, wie oben dargelegt, in jedem kulturellen Gebilde vorhanden, mag es ihn thematisieren oder nicht, mag es sich selbst als ein solches Gebilde verstehen oder nicht. So wird in vielen Texten Adornos die einigen Werken eigentümliche Absage an gesellschaftliche Praxis und Stellungnahme, die Loslösung des kulturellen Bereichs von dem der physischen Reproduktion und des tätigen Lebens, im Extremfall die Vermeidung jedes vom Betrachter zu identifizierenden Themas nicht nur als fragwürdige Intention, sondern als überhaupt nicht durchführbar erklärt.
"Gerade die Absage an den Schuldzusammenhang des blind und verhärtet sich reproduzierenden Lebens, das Beharren auf Unabhängigkeit und Autonomie, auf der Trennung vom geltenden Reich der Zwecke impliziert, als bewußtloses Element zumindest, die Anweisung auf einen Zustand, in dem Freiheit realisiert wäre." (KuG: S.12)
Weiterhin ist aber nicht blind auf der immanenten Beurteilung / Beschreibung zu beharren. Kunstwerke wie andere kulturelle Produkte beziehen ihren Gehalt, ihre "Aura" auch aus ihnen äußerlichen, gleichwohl objektiven Momenten. Tradition und Kontext der Rezeption seien hier nur stellvertretend genannt. Einerseits ist damit der gesellschaftliche, auch sozialpsychologische Ursprung der zu verhandelnden Konflikte zu erforschen, andererseits die historischen und gesellschaftlichen Aspekte der Entstehung des Werkes[12] und seiner Wirkungsgeschichte aufzuzeigen, "von einem Genus zum anderen überzugehen, die in sich verschlossene Sache durch den Blick auf die Gesellschaft aufleuchten zu machen, der Gesellschaft die Rechnung zu präsentieren, welche die Sache nicht einlöst." (KuG: S. 24)
Natürlich erfordert dies auch eine Kritik der Gesellschaft. Möglicherweise ist dies ja sogar die einzig mögliche legitime und integere Art der Gesellschaftskritik - die Reflexion auf die gesellschaftlichen Ansprüche und Verfehlungen in den Produkten der Gesellschaft selbst.
"Immanente Kritik[13] geistiger Gebilde heißt, in der Analyse ihrer Gestalt und ihres Sinnes [..] zu benennen, was die Konsistenz und Inkonsistenz der Gebilde an sich von der Verfassung des Daseins ausdrückt. Solche Kritik bescheidet sich nicht bei dem allgemeinen Wissen von der Knechtschaft des objektiven Geistes, sondern sucht dies Wissen in die Kraft der Betrachtung der Sache selbst umzusetzen. Einsicht in die Negativität der Kultur ist verbindlich bloß dann, wenn sie sich ausweist im triftigen Befund der Wahrheit oder Unwahrheit einer Erkenntnis, der Konsequenz oder Lahmheit eines Gedankens, der Stimmigkeit oder Brüchigkeit eines Gebildes, der Substantialität oder Nichtigkeit einer Sprachfigur. Wo sie aufs Unzulängliche stößt, schreibt sie es nicht eilfertig dem Individuum und seiner Psychologie, dem bloßen Deckbild des Mißlingens zu, sondern sucht es aus der Unversöhnlichkeit der Momente des Objekts abzuleiten. [...] In solchen Antinomien wird sie der gesellschaftlichen inne." (KuG: S.23)
"Kultur ist ideologisch geworden [..] als Sphäre des Privatlebens. Diese verdeckt mit dem Schein von Wichtigkeit und Autonomie, daß sie nur noch als Anhängsel des Sozialprozesses sich fortschleppt. [...] Darum hat die Kritik oftmals weniger nach den bestimmten Interessenlagen zu fahnden, denen kulturelle Phänomene zugeordnet sein sollen, als zu entziffern, was von der Tendenz der Gesamtgesellschaft in ihnen zutage kommt, durch die hindurch die mächtigsten Interessen sich realisieren." (KuG: S. 21)
=> Zusätzlich zur durch die Beziehung auf immanente Momente des untersuchten Gegenstandes / Objektes gegebenen "Konkretheit" soll eine ständig praktizierte Orientierung oder Korrektur an empirischen Wissenschaften wie der empirischen Sozialforschung oder der Psychoanalyse gewährleisten, daß die theoretisch gewonnenen Hypothesen und Prognosen nicht ins Uferlose "fortwuchern". Dies ist eine der Konsequenzen aus dem von Beginn an interdisziplinären Anspruch der Kritischen Theorie. Bei zahlreichen Gelegenheiten bezieht sich Adorno zum Beispiel auf empirische Forschungsergebnisse des IfS, um Thesen zu revidieren im Sinne der Darlegung, in welcher Weise und warum sie sich nicht bestätigen konnten. Dabei sind sowohl die vorliegenden Ergebnisse kritisch zu untersuchen, wie auch in der eigenen Theorie bis zu dem Punkt zurückzugehen, der durch eine nun veränderte Entfaltung jene Erkenntnisse wieder einholen kann.
"Vor ein paar Jahren haben wir im Frankfurter Institut für Sozialforschung eine Studie durchgeführt, welche diesem Problem [der Gleichung von Kulturindustrie und Konsumentenbewußtsein] gewidmet war. [...] Wir glaubten insbesondere, daß die heute bezeichnende Ideologie der Personalisierung wirksam werde, die darin besteht, daß man, offenbar als Kompensation der Funktionalisierung der Wirklichkeit, Einzelpersonen und private Beziehungen gegenüber dem gesellschaftlich tatsächlich Maßgebenden maßlos überschätzt. Mit aller Vorsicht möchte ich sagen, daß derlei Erwartungen zu simpel waren. Die Studie bietet geradezu einen Schulfall dafür, was kritisch-theoretisches Denken von der empirischen Sozialforschung lernen, wie es an ihr sich berichtigen kann. [... Es] zeigte sich, daß viele [..] plötzlich ganz realistisch sich verhielten und die politische und gesellschaftliche Wichtigkeit desselben Ereignisses, das sie in seiner wohlpublizierten Einmaligkeit atemlos am Fernsehschirm bestaunt hatten, kritisch einschätzten. Was also die Kulturindustrie den Menschen in ihrer Freizeit vorsetzt, das wird, wenn meine Folgerung nicht zu voreilig ist, zwar konsumiert und akzeptiert, aber mit einer Art von Vorbehalt, ähnlich wie auch Naive Theaterereignisse oder Filme nicht einfach als wirklich hinnehmen. Mehr noch vielleicht: es wird nicht ganz daran geglaubt. Die Integration von Bewußtsein und Freizeit ist offenbar doch noch nicht ganz gelungen. Die realen Interessen der Einzelnen sind immer noch stark genug, um, in Grenzen, der totalen Erfassung zu widerstehen. Das würde zusammenstimmen mit der gesellschaftlichen Prognose, daß eine Gesellschaft, deren tragende Widersprüche ungemindert fortbestehen, auch im Bewußtsein nicht total integriert werden kann. [...] Ich verzichte darauf, die Konsequenzen auszumalen; ich meine aber, daß darin eine Chance von Mündigkeit sichtbar wird, die schließlich einmal helfen könnte, daß Freizeit in Freiheit umspringt." (Freizeit: S. 65ff)
"Wohl hat man einstweilen [1963] nicht, durch exakte Forschung, die regressive Wirkung an einzelnen kulturindustriellen Produkten hieb- und stichfest bewiesen; phantasievolle Versuchsanordnungen könnten das gewiß besser leisten, als den finanzkräftigen Interessenten angenehm wäre." (ResK: S. 68) Eine Anspielung auf Adornos Erfahrung mit dem Princeton Radio Research Project in den USA, das zwar eine Untersuchung über Hörgewohnheiten darstellen sollte, aber von kritischen Betrachtungen der Radioindustrie schon in der Charter abzusehen anwies.
=> Ein Thema der Kulturkritik, das zwar prinzipiell mit obigem zusammenfällt, aber aufgrund der ausführlichen Behandlung und des hohen Stellenwertes gerade bei Adorno auch an dieser Stelle eigens angesprochen zu werden verdient, ist die Kritik der Kulturindustrie. Dies um so mehr, zumal die gegenwärtig dominierenden kulturellen Phänomene wenigstens der Form nach sich unter dem Stichwort `Kulturindustrie' zusammenfassen lassen. "Der Ausdruck Industrie ist dabei nicht wörtlich zu nehmen. Er bezieht sich auf die Standardisierung der Sache selbst [..] und auf die Rationalisierung der Verbreitungstechniken, nicht aber streng auf den Produktionsvorgang." (ResK: S. 62f) Diese Kritik verfährt nach den oben erwähnten Verfahren, akzentuiert aber noch mehr die gesellschaftlichen Mechanismen, die die Kulturindustrie als solche im Unterschied zu anderen Kulturformen kennzeichnen. Dabei erfolgt Kritik nicht als "Verteufelung der Medien", sondern als Aufklärung über die durch den unreflektierten Einsatz jener Medien entstehenden Formen der Kulturprodukte. Die standardisierte Massenfertigung von Kulturgütern und ihr standardisierter Konsum durch einen besonderen Markt sind gleichzeitig Ursache und Wirkung der spezifischen Form der Produkte, des Bewußtseins der Konsumenten und der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verfassung[14].
"Heute ist der Zwang, fürs Bedürfnis in seiner durch den Markt vermittelten und dann eingefrorenen Form zu produzieren, eines der Hauptmittel, alle bei der Stange zu halten. [...] Die gegenwärtige Gesellschaft hat den ihr immanenten Bedürfnissen weithin die Befriedigung versagt, dafür aber die Produktion durch den Verweis eben auf die Bedürfnisse in ihrem Bannkreis festgehalten. Sie war so praktisch wie irrational. Eine Ordnung, welche die Irrationalität abschafft, in welche die Warenproduktion verwickelt war, aber die Bedürfnisse befriedigt, wird ebenso den praktischen Geist abschaffen, der noch in der Zweckferne des bürgerlichen l'art pour l'art sich spiegelt." (HUtopie: S.109)
Kritik der Kulturindustrie ist neben der Beanstandung der einzelnen Momente und der inhaltlichen Armut oder des Warencharakters der kulturindustriellen Erzeugnisse besonders der Aufweis jener Zusammenhänge, des latenten ideologischen Gehalts auch und besonders in der Form der Produkte und Medien, das Zerreißen des von radikaler Verdinglichung produzierten "Schleier von Unmittelbarkeit und Intimität." (FMRH: S. 335). Mehr dazu im nächsten Teil.
=> Abschließend ist mit Adorno zu betonen (es drohte andernfalls auch vielerorts unterzugehen), die Menschen sollten sich bewußt werden / machen / bleiben, daß bei aller in den Dingen liegenden Notwendigkeit die Dinge doch immer noch von Menschen gemachte und also auch von ihnen veränderbare sind ! Dies allein kann ja nur der Antrieb zu Kultur- und Gesellschaftskritik sein und wird auch durch den Ansatz unterstützt, die historischen, gesellschaftlichen, psychologischen, technischen, wirtschaftlichen und ästhetischen Ursachen und Wirkungen der Kultur offenzulegen, um eine Veränderung erst möglich zu machen[15].
"Der physische Mangel [..] ist potentiell beseitigt: Nach dem Stand der technischen Produktivkräfte brauchte keiner auf der Erde mehr zu darben. Ob weiter Mangel und Unterdrückung sei - beides ist eines -, darüber entscheidet einzig die Vermeidung der Katastrophe durch eine vernünftige Einrichtung der Gesamtgesellschaft als Menschheit." (Fortschritt - S. 30)
Wie realistisch diese Hoffnung angesichts der pessimistischen Einschätzung der aktuellen Lage und der etwas hilflos und gleichzeitig elitär wirkenden Berufung auf "Einsichtige" und "Unbeirrte" jedoch ist, bleibt bei Adorno jedoch offen.
"Beide [Kultur und Verwaltung] weisen [..] auf lebendige Subjekte zurück. Darum kann das spontane, noch nicht ganz erfaßte Bewußtsein die Institutionen, innerhalb deren es sich äußert, immer wieder umfunktionieren. Einstweilen hat, in der liberal-demokratischen Ordnung, das Individuum Raum genug, auch in der Institution und mit ihrer Hilfe zu deren Korrektur ein Weniges beizutragen. Wer der Verwaltungsmittel und Institutionen unbeirrbar, kritisch bewußt sich bedient, vermag stets noch etwas von dem zu realisieren, was anders wäre als bloß verwaltete Kultur. Die minimalen Unterschiede vom Immergleichen, die ihm offen sind, vertreten, wie immer auch hilflos, den ums Ganze; in den Unterschied selber, die Abweichung hat Hoffnung sich zusammengezogen." (KuV: S. 145f)
"Das `Mach es selbst' in der Politik ist nicht ganz vom selben Schlag. Die Gesellschaft, die undurchdringlich den Menschen gegenübersteht, sind sie doch selbst. Das Vertrauen auf die limitierte Aktion kleiner Gruppen erinnert an die Spontaneität, die unter dem verharschten Ganzen verkümmert und ohne die es nicht zu einem Anderen werden kann. Die verwaltete Welt hat die Tendenz, alle Spontaneität abzuwürgen, nicht zuletzt sie in Pseudo-Aktivitäten zu kanalisieren. Das wenigstens funktioniert nicht so umstandslos, wie die Agenten der verwalteten Welt es sich erhofften." (Resignation - S. 148)
"Das Fragwürdigste der verwalteten Welt, eben die Verselbständigung der exekutiven Instanzen, birgt das Potential des Besseren; die Institutionen sind derart gekräftigt, daß sie, wenn sie und ihre Funktion sich selbst durchsichtig sind, das Prinzip des bloßen für Anderes Seins, die Anpassung [..] durchbrechen können. [...] Ist die verwaltete Welt als eine zu verstehen, in der die Schlupfwinkel verschwinden, so vermöchte sie dafür auch wiederum, kraft der Verfügung Einsichtiger, Zentren von Freiheit zu schaffen". (KuV: S.145)
"Die Kulturwaren richten sich, wie Brecht und Suhrkamp schon vor dreißig Jahren aussprachen, nach dem Prinzip ihrer Verwertung, nicht nach dem eigenen Gehalt und seiner stimmigen Gestaltung. Die gesamte Praxis der Kulturindustrie überträgt das Profitmotiv blank auf die geistigen Gebilde. Seitdem diese als Waren auf dem Markt ihren Urhebern das Leben erwerben, hatten sie schon etwas davon. Aber sie erstrebten den Profit nur mittelbar, durch ihr autonomes Wesen hindurch. Neu an der Kulturindustrie ist der unmittelbare und unverhüllte Primat der ihrerseits in ihren typischesten Produkten genau durchgerechneten Wirkung." (ResK: S.61)
"Kultur [..] wird, indem sie ihnen gänzlich sich angleicht, in die verhärteten Verhältnisse eingegliedert und entwürdigt die Menschen noch einmal. Geistige Gebilde sind nicht länger auch Waren, sondern sind es durch und durch." (ResK: S.62)
Die Kulturprodukte, obwohl "durch und durch" Waren, behaupten stets noch einen "ideellen Wert", oft einen Gehalt oder eine Form, die sie zu Kunstwerken stempeln. Obwohl sich diese Vorgabe bei näherer Betrachtung meistens als lächerlich, nichtig oder falsch erweist, wird er von der Kulturindustrie heftig ventiliert und dient (sehr effektiv) zur Steigerung des Absatzes. Beinahe isoliert stellt er oft das eigentlich Essentielle des Konsums dar - so werden etwa "etablierte" Kunstwerke konsumiert, um sich ihre Tradition, "vielseitige Bildung", gesellschaftliche Anerkennung oder ein bereits wohldefiniertes Erlebnis anzueignen, zu erkaufen. Durch eine solche Rezeption ist es allerdings unmöglich, das zu erfassen, was einmal zu dem Urteil, etwas sei "wertvolle" Kunst, geführt hat[19]. Auch die sich nicht als künstlerisch gerierenden Produkte verfallen dieser Fetischisierung, indem sie als hemmungslose, vom täglichen Leben und der Gesellschaft losgelöste Lustbefriedigung zur Erfüllung und "Findung" des Selbst propagiert werden, der aber die entsprechenden Erzeugnisse kaum mehr nachkommen[20]. Die ganze Unterhaltungssparte suggeriert nicht nur, daß es normal sei, die Zeit mit Gott-weiß-was totzuschlagen, sondern daß dies dem Menschen eine Freude, Befriedigung und Erfüllung sei, für die man wiederum ohne weiteres Opfer bringen könnte, und seien es nur finanzielle.
"Je unerbittlicher mit dem Verfall der bürgerlichen Wirtschaft das Prinzip des Tauschwerts die Menschen um die Lust an den Gebrauchswerten betrügt, um so dichter vermummt sich der Tauschwert selbst als Gegenstand der Lust." (FMRH: S.332)
"Aus dem Wilden Westen haben die Massenmedien eine Ersatzmythologie zubereitet, die keiner mit den Fakten einer keineswegs fernen Vergangenheit konfrontiert. Die Filmstars, Schlager, Schlagertexte und Schlagertitel spenden ähnlich kalkulierten Glanz. Worte, unter denen der selber schon mythologische man on the street sich kaum mehr etwas zu denken vermag, erlangen eben darum Popularität; ein beliebter Schlager sagte von einem Mädchen "You are a rhapsody", ohne daß es jemandem eingefallen wäre, wie wenig schmeichelhaft der Vergleich mit der Rhapsodie war, einer potpourrihaft ungeformten Kompositionsweise." (ThHalbb: S.108)
Nicht nur die Waren dienen als Fetische, auch um die Produzenten baut sich ein Starkult auf, der in der Popkultur am offensten zu tage tritt. Der Erzeuger oder die Erzeugerin sind schließlich auch ein nicht allzu anspruchsvolles Kriterium für die Beurteilung eines Erzeugnisses. Die Stars bürgen, wenn nicht für Qualität, so doch für Interessantes und Gesprächsstoff, etwa warum das neueste Produkt so aus dem Rahmen der bisherigen fällt, oder wer mit wem was tut oder läßt. Sie stellen Identifikationsfiguren dar, deren ganze Existenz durch die Kulturindustrie vermittelt und sogar produziert ist[21]. "Abhängigkeit und Hörigkeit der Menschen, Fluchtpunkt der Kulturindustrie, könnten kaum treuer bezeichnet werden als von jener amerikanischen Versuchsperson, die da meinte, die Nöte des gegenwärtigen Zeitalters hätten ein Ende, wenn die Leute einfach prominenten Persönlichkeiten folgen wollten." (ResK: S.69)
"Das Reich jenes Musiklebens [..] ist eines von Fetischen. Das Prinzip des Stars ist totalitär geworden. Die Reaktionen der Hörer scheinen sich aus der Beziehung zum Vollzug der Musik zu lösen und unmittelbar dem akkumulierten Erfolg zu gelten, der seinerseits nicht entfernt durch vergangene Spontaneitäten des Hörens zureichend begriffen werden kann, sondern auf das Kommando der Verleger, Tonfilmmagnaten und Rundfunkherrn zurückdatiert. Stars sind keineswegs bloss die berühmten Personennamen. Die Werke beginnen ähnlich zu fungieren. Es erbaut sich ein Pantheon von best sellers." (FMRH: S. 327)
Ein weiteres Phänomen in diesem Zusammenhang ist die auch im kulturellen Bereich zu verzeichnende Fetischisierung der Technik: Die technischen Möglichkeiten der Produktion sowie die der modernen Medien und die Verteilung der Kulturgüter werden als besonders "naturgetreu", "realistisch", demokratisch, rational, usw. gefeiert und entbinden angesichts der "überwältigenden Möglichkeiten des Machbaren" scheinbar von der Notwendigkeit, ihren tatsächlichen Gebrauch zu bedenken.
"Die Technisierung als solche, unbezogen auf eine vernünftige Einrichtung der Gesellschaft und auf die ästhetische Aussprache essentieller Erfahrungen, kann in den Dienst der kruden Reaktion treten, sobald sie sich als Fetisch etabliert und durch ihre Perfektion die versäumte gesellschaftliche als schon geleistet hinstellt." (FMRH: S. 352)
"Die Ideologie ist so glücklich mit dem Eigengewicht der Apparatur verschmolzen, daß jede Anregung als weltfremd, technisch unerfahren und unpraktisch mit den vernünftigsten Worten niedergeschlagen werden kann: der Schwachsinn des Ganzen setzt sich aus lauter gesundem Menschenverstand zusammen." (TVId: S.96)
"Daß Technik und höherer Lebensstandard ohne weiteres der Bildung dadurch zugute kommen, daß alle von Kulturellem erreicht werden, ist pseudodemokratische Verkäuferideologie [..]. Sie ist widerlegbar von der empirischen Sozialforschung. [...] Wie für die Radiogruppe die ernste Musik virtuell in Unterhaltungsmusik sich verwandelte, so frieren allgemein die geistigen Gebilde, welche die Menschen mit jener Plötzlichkeit anspringen, die Kierkegaard dem Dämonischen gleichsetzte, zu Kulturgütern ein. Ihre Rezeption gehorcht nicht immanenten Kriterien, sondern einzig dem, was der Kunde davon zu haben glaubt." (ThHalbb: S. 110)
"Anstatt dem Unbewußten die Ehre anzutun, es zum Bewußtsein zu erheben und damit zugleich seinen Drang zu erfüllen und seine zerstörende Kraft zu befrieden, reduziert die Kulturindustrie, an ihrer Spitze das Fernsehen, die Menschen mehr noch auf unbewußte Verhaltensweisen, als die Bedingungen einer Existenz zuwege bringen, die den mit Leiden bedroht, der sie durchschaut, und dem Belohnungen verspricht, der sie vergötzt. Das Starre wird nicht aufgelöst, sondern verhärtet. Die Vokabeln der Bilderschrift sind Stereotypen. [...] Die Stereotypen des Fernsehens dagegen gleichen äußerlich, bis auf Tonfall und Dialekt, Hinz und Kunz, während sie doch Parolen wie die, daß alle Ausländer verdächtig sind oder daß der Erfolg das Höchste sei, was man vom Leben zu erwarten habe, nicht nur propagieren, sondern durchs bloße Gehabe ihrer Helden als gottgewollt und ein für alle mal etabliert ausgeben, ehe nur die Moral gezogen wird, die zuweilen sogar das Umgekehrte besagt.[...] Will Kunst dem Unbewußten und Vorindividuellen sein Recht widerfahren lassen, so bedarf es dazu der äußersten Anstrengung des Bewußtseins und der Individuierung; wird diese Anstrengung nicht geleistet und statt dessen dem Unbewußten willfahrt, indem man es mechanisch reproduziert, so entartet das Unbewußte zur bloßen Ideologie für bewußte Ziele, wie dumm auch diese am Ende sich erweisen mögen."(TVPro: S.79)
Selten werden Gestaltmerkmale bei Adorno aufgezählt. Meistens wird
ein einzelnes oder eine kleine Gruppe von Merkmalen von den Motivationen ihrer
Produktion bis zu den Konsequenzen im Bewußtsein der "Konsumenten"
besprochen. Jedoch nennt Adorno an einigen wenigen Stellen (deren
repräsentativer Wert somit zur Diskussion steht) als typische Merkmale der
kulturindustriellen Produkte "das für die Physiognomik der
Kulturindustrie wesentliche Gemisch aus streamlining, photographischer
Härte und Präzision einerseits und individualistischen
Restbeständen, Stimmung, zugerüsteter, ihrerseits bereits rational
disponierter Romantik." (ResK: S. 64)
Auch die Genese aus dem Bereich der Kunst ist für Adorno ein der
Kulturindustrie wesentliches Moment. Jedoch ist die Kulturindustrie geradezu
die Negation von Kunst. Auf Adornos Kunstverständnis einzugehen, ginge
hier zu weit, aber so viel sei gesagt, daß die hier beschriebenen Momente
(Verlust der Aura, Vorrang des Profitmotivs, Fetischisierung, Suspension vom
Denken des Ganzen und Regression) und die ausdrückliche, störrische
Akklamation des eigenen künstlerischen, bzw. demokratischen Charakters den
der Kunst konstitutiven Aspekten des Inhalts, der Form, der
Formgebung/Produktion und Perzeption kraß widersprechen.
"Diese Selektion reproduziert sich in fatalem Zirkel: das Bekannteste ist das Erfolgreichste; daher wird es immer wieder gespielt und noch bekannter gemacht. Die Auswahl der Standardwerke selbst richtet sich nach ihrer "Wirksamkeit" im Sinne eben der Erfolgskategorien, welche die leichte Musik determinieren oder dem Crackdirigenten gestatten, programmgemäss zu faszinieren, die Steigerungen von Beethovens Siebenter Symphonie rangieren auf gleicher Stufe mit der unsäglichen Hornmelodie aus dem langsamen Satz von Tschaikowskijs Fünfter. Melodie heisst da soviel wie achttaktig-symmetrische Oberstimmenmelodie. Diese wird als "Einfall" des Komponisten verbucht, den man meint, als Besitz nach Hause nehmen zu können, so wie er dem Komponisten als dessen Grundeigentum zugeschrieben wird. Der Begriff des Einfalls ist gerade der als klassisch etablierten Musik ganz unangemessen." (FMRH: S. 328)
"Denn eingegangen sind jene Reize in die grosse Musik und in ihr aufgehoben, nicht aber ist die grosse Musik in ihnen aufgegangen. Am Mannigfaltigen von Reiz und Ausdruck erprobt sich ihre Grösse als Kraft zur Synthesis. [...] Reiz, Subjektivität und Profanität, diese alten Widersacher der dinghaften Entfremdung, verfallen gerade dieser. Die überlieferten antimythologischen Fermente der Musik verschwören sich im kapitalistischen Zeitalter gegen die Freiheit, als deren Wahlverwandte sie einmal verfemt waren. Die Träger der Opposition gegen das autoritäre Schema werden zu Zeugen der Autorität des marktmässigen Erfolgs. Die Lust des Augenblicks und der bunten Oberfläche wird zum Vorwand, den Hörer vom Denken des Ganzen zu entbinden, dessen Anspruch im echten Hören enthalten ist, und der Hörer wird auf der Linie seines geringsten Widerstandes in den akzeptierenden Käufer verwandelt." (FMRH: S.324)
Die gesellschaftliche Dimension der Kulturwaren liegt auf der Hand: Das Denken in Stereotypen, die Übernahme einer vorgefertigten Meinung sind allein durch den Massencharakter und die Allgegenwart der Massenmedien unausweichlich. "Distanzlosigkeit, die Parodie auf Brüderlichkeit und Solidarität, hat dem neuen Medium sicherlich zu seiner unbeschreiblichen Popularität mitverholfen.(...) Die Grenze zwischen Realität und Gebilde wird fürs Bewußtsein herabgemildert.(...) Schwerlich ist es zu weit hergeholt, daß umgekehrt die Realität durch die Fernsehbrille angeschaut, daß der unterschobene Sinn des Alltags auf diesen zurückgespiegelt wird." (TVPro: S.72ff) Vom Medium weniger als von den ökonomischen Strukturen der Kulturindustrie vorgezeichnet ist dagegen die Bestätigung der Welt wie sie ist. Dies geschieht nicht zuletzt durch ständige affirmative Wiederholung, durch "möglichst realistische" Szenarien, in denen derjenige glorifiziert wird, der den allgemeinen Erwartungen entspricht, die jedoch mit den tatsächlichen Problemen der Zuschauer nur scheinbar übereinstimmen[24].
"Das Stück läuft auf die Verleumdung von Individualität und Autonomie hinaus. Man soll sich "ergeben", und zwar weniger der Liebe, als dem Respekt für das, was die Gesellschaft nach ihren Spielregeln erwartet. Als Hauptsünde wird der Heldin angekreidet, daß sie sie selbst sein möchte: so spricht sie es selber aus. Eben das soll nicht sein [...]. Was ihr Erzieher, in seiner großen Tirade gegen den Materialismus, als stärkstes ihr entgegenschleudert, ist bezeichnend genug der Begriff der Macht . Er preist ihr die "Notwendigkeit geistiger Werte in einer materialistischen Welt", aber er findet für diese "Werte" keinen passenderen Ausdruck, als daß eine Macht gäbe, "größer als wir und unser kleinlicher, selbstsicherer Ehrgeiz"." (TVId: S. 93f)
"Während sie [die Kulturindustrie] beansprucht, Führer der Ratlosen zu sein, und ihnen Konflikte vorgaukelt, die sie mit ihren eigenen verwechseln sollen, löst sie die Konflikte nur zum Schein, so wie sie in ihrem eigenen Leben kaum gelöst werden könnten. In den kulturindustriellen Produkten kommen die Menschen in Schwierigkeiten bloß, damit sie, meist durch Vertreter eines allgültigen Kollektivs, unbehelligt wieder herausgelangen, um in eitel Harmonie jenem Allgemeinen zuzustimmen, dessen Forderungen sie zunächst als unvereinbar mit ihren Interessen erfahren mußten. Dafür hat die Kulturindustrie Schemata ausgebildet, die noch bis in so begriffsferne Gebiete wie die Unterhaltungsmusik hineinreichen, in der man ja auch in >jam< gerät, in rhythmische Probleme, die sogleich mit dem Triumph des guten Taktteils sich entwirren." (ResK: S. 67f)
"Erweckt wird der Eindruck, totalitäre Staaten seien die Folge der Charakterdefekte ehrgeiziger Politiker, und ihr Sturz sei der Noblesse derer zuzuschreiben, mit denen das Publikum sich identifiziert. Eine infantile Personalisierung der Politik wird betrieben." (TVId: S.87)
Adorno sieht das Wagnis der Position auf die er sich stellt, wenn er z.B. dem Radio jede Möglichkeit zur künstlerisch bildenden Anregung abspricht. Etwa Umberto Eco zeiht ihn deswegen der Undifferenziertheit. Doch dieses Urteil über die Adornosche Kulturkritik ist selbst undifferenziert. So kommt es nicht darauf an festzustellen, ob die Möglichkeit etwa zu einem "künstlerischen Comic", bzw. zu einer intelligenten Perzeption jedes beliebigen Produktes der Kulturindustrie prinzipiell nicht vorhanden ist, sondern welche Perzeption von welchen Bedingungen im Comic selbst und in seiner Produktion, Verteilung, Vermarktung, Werbung, usw. wie gefördert wird. Sodann muß natürlich die trotz allem mögliche wünschenswerte Perzeption mit den tatsächlichen gesellschaftlichen Reaktionen konfrontiert werden.
"[...] da ja jene Implikationen in weitem Maß aufs Unbewußte zugeschnitten sind, ihre Macht über den Zuschauer vermutlich anwächst in einer Perzeptionsweise, die der Kontrolle seines bewußten Ichs so rasch sich entzieht. Überdies sind die Züge, um die es sich handelt, niemals solche des je erörterten Einzelfalls, sondern gehören einem Schema an. Sie kehren unzählige Male wieder. Die geplanten Wirkungen haben sich mittlerweile sedimentiert."(TVId: S.81)
"Allerdings sind die Informationen, wie jede soziologische Studie über ein so Elementares wie den Stand politischer Informiertheit dartut, ärmlich oder gleichgültig, die Ratschläge, die man aus den kulturindustriellen Manifestationen herausliest, nichtssagend banal oder schlimmer; die Verhaltensmuster schamlos konformistisch." (ResK: S. 65)
"Auch wenn deren Botschaften so harmlos wären, wie man sie macht [..] : die Haltung, welche die Kulturindustrie zeitigt, ist alles andere als harmlos. Ermahnt ein Astrologe seine Leser, sie sollten an einem bestimmten Tag vorsichtig Auto fahren, so wird das gewiß niemandem schaden; wohl aber die Verdummung, die in dem Anspruch liegt, der jeden Tag gültige und daher blödsinnige Rat hätte des Winks der Sterne bedurft." (ResK: S.69)
"Selbst die Unvereinbarkeit von Kunst und Massenreproduktion heute rührt nicht von der Technik als solcher her, sondern davon, daß diese, unterm Diktat jener sinnwidrig fortbestehenden Verhältnisse, den Anspruch von Individuation, nach Benjamins Wort die `Aura', festhalten muß, den sie nicht einlösen kann." (HUtopie: S.113)
"Die radikale Verdinglichung produziert ihren eigenen Schleier von Unmittelbarkeit und Intimität." (FMRH: S. 335)
... "verlangte nicht etwas in den Menschen danach; aber deren eigenes Bedürfnis nach Freiheit wird funktionalisiert, vom Geschäft erweitert reproduziert; was sie wollen, nochmals ihnen aufgenötigt. Deshalb gelingt die Integration der Freizeit so reibungslos; die Menschen merken nicht, wie sehr sie dort, wo sie am freiesten sich fühlen, Unfreie sind, weil die Regel solcher Unfreiheit von ihnen abstrahiert ward." (Freizeit: S.60)
"Man wird allgemein in der Pseudo-Aktivität ein zurückgestautes Bedürfnis nach Änderung der versteinerten Verhältnisse vermuten dürfen. Pseudo-Aktivität ist fehlgeleitete Spontaneität. Fehlgeleitet aber nicht zufällig, sondern weil die Menschen dumpf ahnen, wie schwer sie ändern könnten, was auf ihnen lastet. Lieber lassen sie in scheinhafte, illusionäre Betätigungen, in institutionalisierte Ersatzbefriedigungen sich abdrängen, als dem Bewußtsein sich zu stellen, wie versperrt die Möglichkeit heute ist." (Freizeit: S. 64)
Interessant ist jedoch schon allein eine nähere Betrachtung des "Bedürfnisses". Hier kommt nach Adorno ein gespaltenes Bewußtsein der Rezipienten zum Ausdruck, wobei die Spaltung zwischen der Verzweiflung über die eigene Lage und der Verdrängung oder Flucht in "Pseudo-Aktivität" und was man dementsprechend Pseudo-Spaß nennen könnte verläuft. So sind die Menschen sich des Betrugs, der mit ihnen veranstaltet wird, durchaus bewußt, sie wissen, was und warum und in welcher Weise produziert wird. Um so leichter fällt es ihnen, sich nach dem Motto "Gefahr erkannt, Gefahr gebannt" den Produkten der Kulturindustrie zu überlassen, obwohl ihnen klar ist, daß sie deren Omnipräsenz und der ständigen Einwirkung auf ihr Unbewußtes im Grunde gar nicht entgehen können. Dieser scheinbare Defaitismus wird von ihnen auch noch mit allen möglichen Argumenten von Entspannung und Unterhaltung bis Ungefährlichkeit verteidigt. Eine beträchtliche Energie wird in die Erschaffung schöner, gerechter, künstlicher "virtueller" Welten gesteckt, die dann auch noch realistischer als die Realität sein sollen und von den Menschen - zumindest in etlichen unbewußten Gesichtspunkten - bald als tatsächlich reale und relevante empfunden werden[27]. Diese Energie wird nicht nur von den Produzenten der Kulturindustrie investiert, sondern ebenso von den sich begeisternden und ihren eigenen Enthusiasmus anfachenden Kulturkonsumenten, die die eigene Phantasie, so sie noch tätig ist, in diese Scheinrealitäten zu kanalisieren versuchen[28]. Die Menschen werden bei solchen Gelegenheiten zu "Schauspieler[n] der eigenen Ekstase. Überhaupt von etwas hingerissen zu sein, eine vermeintlich eigene Sache haben, entschädigt sie für ihr armes und bilderloses Dasein." (Jazz: S. 128)
"Die verlogene Ironie im Verhältnis lammfrommer Intellektueller zur Kulturindustrie ist keineswegs auf jene beschränkt. Man darf annehmen, daß das Bewußtsein der Konsumenten selbst gespalten ist zwischen dem vorschriftsmäßigen Spaß, den ihnen die Kulturindustrie verabreicht, und einem nicht einmal sehr verborgenen Zweifel an ihren Segnungen. Der Satz, die Welt wolle betrogen sein, ist wahrer geworden, als wohl je damit gemeint war. Nicht nur fallen die Menschen, wie man so sagt, auf Schwindel herein, wenn er ihnen sei's noch so flüchtige Gratifikationen gewährt; sie wollen bereits einen Betrug, den sie selbst durchschauen; sperren krampfhaft die Augen zu und bejahen in einer Art Selbstverachtung, was ihnen widerfährt, und wovon sie wissen, warum es fabriziert wird. Uneingestanden ahnen sie, ihr Leben werde ihnen vollends unerträglich, sobald sie sich nicht länger an Befriedigungen klammern, die gar keine sind." (ResK: S.66)
"Die Bevölkerung ist so an den Unfug gewohnt, der ihr widerfährt, daß sie selbst dann nicht auf ihn verzichten mag, wenn sie ihn halb durchschaut; im Gegenteil, sie muß die eigene Begeisterung andrehen, um sich die Schmach als Gunst einzureden." (Jazz: S. 126)
"Wiche nur der Vorgang des Wählens einer Telefonnummer von dem tatsächlich geübten ab, so empfinge die Station entrüstete Briefe aus dem Publikum, das doch bereit ist, die Fiktion, an jeder Ecke lauere ein Mörder, mit Behagen sich gefallen zu lassen. Der Pseudorealismus, den das Schema vorsieht, erfüllt das empirische Leben mit einem falschen Sinn, dessen Trug der Zuschauer schwer durchschauen kann, weil das Nachtlokal genauso aussieht wie das dem Zuschauer bekannte." (TVId: S.86)
"Vermutlich macht das Fernsehen sie [die Menschen] nochmals zu dem, was sie ohnehin sind, nur noch mehr so, als sie es ohnehin sind. Das entspräche der wirtschaftlich begründeten Gesamttendenz der gegenwärtigen Gesellschaft, in ihren Bewußtseinsformen nicht länger über sich selber, den status quo hinauszugehen, sondern diesen unablässig zu bekräftigen und, wo er etwa bedroht dünkt, [durch Wiederholung] wiederherzustellen." (TVPro: S.70)
"Kulturindustrie geht über in public relations, die Herstellung eines good will schlechthin, ohne Rücksicht auf besondere Firmen oder Verkaufsobjekte. An den Mann gebracht wird allgemeines unkritisches Einverständnis, Reklame gemacht für die Welt, so wie ein jedes kulturindustrielles Produkt seine eigene Reklame ist." (ResK: S.62)
=> Verlust von Individualität - Autonomie und
Spontaneität
Durch ständiges "Einhämmern" von Stereotypen und Personen, die
als positiv dargestellt werden, weil sie normierten Anforderungen entsprechen,
durch Vorspiegelung von individuellem Glück als erfolgreicher Teil eines
Ganzen (sozusagen der sittlichen Gemeinschaft) wird den Menschen die
Vorstellung anerzogen, Glück und Erfolg sei erstens synonym und zweitens
nur durch optimale Anpassung an die Verhältnisse, durch ein
"Sichgleichmachen" mit den dargestellten Durchschnittstypen möglich. Um
möglichst viele Menschen anzusprechen, müssen sich die Produkte der
Kulturindustrie natürlich auf solche Durchschnittstypen berufen; mit dem
Resultat allerdings, daß selbst die "Abweichler" und Sonderlinge[29] typisiert werden, tatsächliche
Individualität nicht nur verleumdet wird, sondern schließlich
überhaupt nicht mehr repräsentiert wird, und von den wirklichen
Menschen nur noch in den seltensten Fällen einer "authentischen Erfahrung"
(, die dann nicht mehr über die Kulturindustrie vermittelt ist,) erlebt
werden kann. Das wirkt sich zwangsläufig auf die Bildung von
Individualität in einer "kulturindustriellen" Gesellschaft aus. Nicht nur,
daß im realen Leben, wenigstens was die materiellen Möglichkeiten
der Subsistenz angeht, Individualität eher Hindernis denn Auszeichnung
ist, noch im vom Lebenserwerb getrennten Bereich des Lebens[30] wird sie diffamiert und so tendenziell, zumindest der
Absicht nach, beseitigt. Als anzustrebendes Ideal wurde sie schon lange von
möglichst vollkommener Anpassung abgelöst.
"Das Stück läuft auf die Verleumdung von Individualität und Autonomie hinaus. Man soll sich `ergeben', und zwar weniger der Liebe, als dem Respekt für das, was die Gesellschaft nach ihren Spielregeln erwartet. Als Hauptsünde wird der Heldin angekreidet, daß sie sie selbst sein möchte: so spricht sie es selber aus. Eben das soll nicht sein [...]. Was ihr Erzieher, in seiner großen Tirade gegen den Materialismus, als stärkstes ihr entgegenschleudert, ist bezeichnend genug der Begriff der Macht . Er preist ihr die `Notwendigkeit geistiger Werte in einer materialistischen Welt', aber er findet für diese `Werte' keinen passenderen Ausdruck, als daß eine Macht gäbe, `größer als wir und unser kleinlicher, selbstsicherer Ehrgeiz'." (TVId: S. 93f)
"Die Negation des Begriffs des Kulturellen selber bereit sich vor. Seine Konstituentien: Begriffe wie Autonomie, Spontaneität, Kritik werden kassiert. Autonomie: weil das Subjekt, anstatt sich bewußt zu entscheiden, in das je Vorgeordnete sich einfügen muß und will [..]. Spontaneität schwindet: weil die Planung des Ganzen der einzelnen Regung vorgeordnet ist, diese prädeterminiert, zum Schein herabgesetzt und jenes Kräftespiel gar nicht mehr duldet, von dem man das freie Ganze erwartet. Kritik schließlich stirbt ab, weil der kritische Geist in jenem Ablauf, der immer mehr das Modell von Kulturellem abgibt, stört wie Sand in der Maschine. Er erscheint antiquiert, "arm chair thinking", unverantwortlich und unverwertbar." (KuV: S.138)
"Der kategorische Imperativ der Kulturindustrie hat, zum Unterschied vom Kantischen, mit der Freiheit nichts mehr gemein. Er lautet: du sollst dich fügen, ohne Angabe worein; fügen in das, was ohnehin ist, und in das, was, als Reflex auf dessen Macht und Allgegenwart, alle ohnehin denken. Anpassung tritt kraft der Ideologie der Kulturindustrie anstelle von Bewußtsein: nie wird die Ordnung, die aus ihr herausspringt, dem konfrontiert, was sie zu sein beansprucht, oder den realen Interessen der Menschen." (ResK: S.67)
"Das [Potential der Wirkung von Kulturindustrie] ist aber die Beförderung und Ausbeutung der Ich-Schwäche, zu der die gegenwärtige Gesellschaft, mit ihrer Zusammenballung von Macht, ihre ohnmächtigen Angehörigen ohnehin verurteilt. Ihr Bewußtsein wird weiter zurückgebildet. Nicht umsonst kann man in Amerika von zynischen Filmproduzierenden hören, ihre Streifen hätten auf das Niveau Elfjähriger Rücksicht zu nehmen. Indem sie das tun, möchten sie am liebsten die Erwachsenen zu Elfjährigen machen." (ResK: S.68)
=> Passivität und Dekonzentration
Aus Anpassung und dem Verzicht auf kritische Reflexion resultiert eine
Verhaltensweise, die sich nicht nur auf den kulturellen Bereich
beschränkt. Die passive Aufnahme des Angebotenen, die Übernahme der
"vorgeschlagenen" Interpretationen machen eine ästhetische Betrachtung
unmöglich. Im Grunde beanspruchen die Produkte der Kulturindustrie eine
solche selbst dann nicht, wenn sie sich als arrivierte Kulturzeugnisse
gebärden: Sie sind zuvorderst Waren und sollen den Betrachter unterhalten,
nicht anstrengen[31]. Aus ihrer universellen
Verfügbarkeit ergibt sich eine Indifferenz gegenüber dem Momentanen,
sozusagen das Vertrauen auf die Wiederholung. Damit wird jedoch virtuell jedes
Produkt nur noch "als Hintergrund" wahrgenommen[32].
"Sie [die Musik] wird bloss noch als Hintergrund apperzipiert. Wenn keiner mehr wirklich reden kann, dann kann gewiss keiner mehr zuhören. Ein amerikanischer Fachmann für die Radioreklame, die ja mit Vorliebe des musikalischen Mediums sich bedient, hat sich über den Wert dieser Reklame skeptisch geäussert, da die Menschen gelernt hätten, selbst während des Hörens dem Gehörten die Aufmerksamkeit zu versagen." (FMRH: S.322)
"Die perzeptive Verhaltensweise, durch die das Vergessen und das jähe Wiedererkennen der Massenmusik vorbereitet wird, ist die Dekonzentration. Wenn die genormten, mit Ausnahme schlagzeilenhaft auffälliger Partikeln einander hoffnungslos ähnlichen Produkte konzentriertes Hören nicht gestatten, ohne den Hörern unerträglich zu werden, dann sind diese ihrerseits zu konzentriertem Hören überhaupt nicht mehr fähig. Sie können die Anspannung geschärfter Aufmerksamkeit nicht leisten und überlassen gleichsam resigniert sich dem, was über sie ergeht und womit sie sich anfreunden nur, wenn sie nicht gar zu genau hinhören." (FMRH: S. 342)
=> Oberflächlichkeit, atomistische Beschränkung auf
Aspekte/Effekte
Mit Dekonzentration und Passivität, mit der (objektiv
determinierten) Effekthascherei der kulturindustriellen Produkte und der
allumfassenden Versorgung des Publikums sowohl mit eingängigen Gebilden
als auch mit einer dazugehörigen eingängigen Interpretation entsteht
ein atomistisches Verständnis von Kunst oder auch von andern Sachverhalten
in der wirklichen Welt, das die nötige Komplexität guten Gewissens
ignoriert[33]. Auf das Denken des Ganzen, sei
es Kunstwerk, sei es gesellschaftlich-historische Situation, sei es ein anderer
Sachverhalt, wird zugunsten "schlagzeilenhaft" aufleuchtender, plakativ
vereinfachender Schlagworte verzichtet. Die Suggestion, die so gemachte
Erfahrung sei eine des künstlerischen Bereichs, installiert ein
Kunstverständnis, das sich auf lediglich die auffälligsten Teile des
Kunstwerks beschränkt, einzelne Motive isoliert, die gerade dazu
ausreichen, das Werk wiederzuerkennen und es von anderen zu unterscheiden,
diese Teile "als `Einfall' des Komponisten verbucht, den man meint, als
Besitz nach Hause nehmen zu können, so wie er dem Komponisten als dessen
Grundeigentum zugeschrieben wird. Der Begriff des Einfalls ist gerade der als
klassisch etablierten Musik ganz unangemessen." (FMRH: S. 328) Die
gesellschaftliche Dimension, die in der Kunst als Form liegt, geht dabei
natürlich verloren. Auch das Bildungsverständnis verändert sich
entsprechend. Die unreflektierte Ansammlung von wiederum unreflektierten
"Bildungspatenten" (Weber) und "Einfällen" (Adorno) ersetzt die Besinnung
auf das Ganze des Zusammenhangs, auch des gesellschaftlichen, und auf das, was
über ihn hinausweist - die Besinnung, die von Bildung ursprünglich
erst ermöglichen werden sollte.
"Die Emanzipation der Teile von ihrem Zusammenhang und allen Momenten, die über ihre unmittelbare Gegenwart hinausgehen, inauguriert jene Verschiebung des musikalischen Interesses auf den partikularen, sensuellen Reiz, die von Kulturrettern so sehr missverstanden wird." (FMRH: S. 343)
"Im höchst speziellen Zusammenhang der bildungssoziologischen Anmerkungen des Bürokratiekapitels spricht er [Weber] davon, daß der Besitz von Bildungspatenten die Begabungen - das `Charisma' - zunehmend zurückdränge; `denn die >geistigen< Kosten der Bildungspatente sind stets geringe und nehmen mit der Massenhaftigkeit nicht zu sondern ab'. Demnach wird dem Geist selber zunehmend jene irrationale, nicht zu planende Bestimmung entzogen, die ihm nach traditioneller Ansicht eignet." (KuV: S. 127)
"Wie für die Radiogruppe die ernste Musik virtuell in Unterhaltungsmusik sich verwandelte, so frieren allgemein die geistigen Gebilde, welche die Menschen mit jener Plötzlichkeit anspringen, die Kierkegaard dem Dämonischen gleichsetzte, zu Kulturgütern ein. Ihre Rezeption gehorcht nicht immanenten Kriterien, sondern einzig dem, was der Kunde davon zu haben glaubt. Zugleich aber wächst mit dem Lebensstandard der Bildungsanspruch als Wunsch, zu einer Oberschicht gerechnet zu werden, von der man ohnehin subjektiv immer weniger sich unterscheidet. Als Antwort darauf werden immense Schichten ermutigt, Bildung zu prätendieren, die sie nicht haben. Was früher einmal dem Protzen und dem nouveau riche vorbehalten war, ist Volksgeist geworden. Ein großer Sektor der kulturindustriellen Produktion lebt davon und erzeugt selbst wiederum das halbgebildete Bedürfnis; [..] der Ausverkauf ganzer Wissenschaften wie der Archäologie oder Bakteriologie, der sie in grobe Reizmittel verfälscht und dem Leser einredet, er sei au courant. Die Dummheit, mit welcher der Kulturmarkt rechnet, wird durch diesen reproduziert und verstärkt. Frisch-fröhliche Verbreitung von Bildung unter den herrschenden Bedingungen ist unmittelbar eins mit ihrer Vernichtung." (ThHalbb: S. 110)
=> Sprachlosigkeit
Auch die wirkliche, unmittelbare Erfahrung der Menschen miteinander und
voneinander wird tangiert. So werden Kommunikation und Dialog zunehmend
schwerer und leerer. Selbst wo Dialog nicht technisch vermittelt ist und so in
seinen Ausdrucksformen wieder "Sachzwängen" unterläge, wird den
Menschen der auszudrückende Inhalt sowie die Möglichkeit des
Ausdrucks, die Sprache beschnitten; der Inhalt, weil es immer weniger gibt, was
der Gesprächspartner nicht genauso wüßte (,der ja seinen
Erfahrungsschatz auch hauptsächlich aus den ihm angebotenen Kulturwaren
zieht), weil man sich abgewöhnt hat, etwas über das Offensichtliche
hinaus zu denken, die Sprache, weil sie nur noch äußerst selten
ausgenutzt wird, um eine differenzierte Aussage zu treffen - statt dessen
werden Bilder benutzt, die nicht nur schneller erfaßt und angeblich
glaubwürdiger sind, sondern die auch gezielt, oft geplant, das
Unterbewußte ansprechen und so ganze Probleme und ihre Bewältigung
aus dem Bewußtsein, aus dem Bereich der reflektierten, sprachlichen
Auseinandersetzung herausdrängen. Charakteristisch ist das Wort
"Unterhaltungsindustrie", das den Wandel im Begriffsverständnis von
"Unterhaltung" - von Dialog zu Entertainment, Zerstreuung spiegelt.
"Der Verfall des Sprechens liegt in der objektiven Tendenz. Die virtuelle Verwandlung der Welt in Waren, die Vorentschiedenheit dessen, was gedacht und getan wird, durch die gesellschaftliche Maschinerie macht Sprechen illusorisch: es verkommt, unterm Fluch des Immergleichen, zu einer Folge analytischer Urteile. [...] Prinzipiell betrifft die Unterhaltung nichts anderes mehr, als was im Katalog der allgegenwärtigen Industrie ohnehin verzeichnet steht, Informationen über Angebotenes, sachlich überflüssig, leere Hülse des Dialogs, dessen Idee es war zu finden, was man nicht schon wußte. Bar dieser Idee wäre er reif zu verschwinden." (HUtopie: S. 98f)
"Die Bildersprache, die der Vermittlung des Begriffs enträt, [ist] primitiver als die der Worte. Der Sprache aber werden die Menschen durchs Fernsehen noch mehr entwöhnt, als sie es auf der ganzen Erde heute schon sind. Wohl reden die Schatten auf dem Bildschirm, aber ihre Rede ist womöglich noch mehr Rückübersetzung als die im Film, bloßes Anhängsel an die Bilder, nicht Ausdruck einer Intention, eines Geistigen, sondern Verdeutlichung der Gesten, Kommentar der Weisungen, die vom Bild ausgehen." (TVPro: S.75) [34]
=> Verharren im Unbewußten
Die Kulturindustrie und ihre Produkte bearbeiten rationell das
Unbewußte der Menschen, um ihnen Konflikte, die objektiv nicht oder nur
oberflächlich gelöst sind, als vollkommen gelöste zu
insinuieren. Jede kritische Reflexion, sogar jedes verwunderte Nachfragen soll
unterbunden werden. Dies wird durch Manipulation (sei sie gezielt geplant oder
selbst unbewußt, "instinktiv" realisiert) des Unterbewußten
erreicht und verhindert so die Menschen daran, irgendeinen Konflikt
bewußt mit sich oder mit anderen auszutragen, ja sich überhaupt
bewußt zu verhalten, anders als durch unbewußt übernommene,
mehr oder weniger versteckte, genormte Verhaltensmuster. Die Menschen trauen
sich zwar, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, aber die eigentlich
wichtigen Fragen, etwa ihre objektiven Bedürfnisse betreffend, stellen
sich ihnen und ihrem Verstand gar nicht mehr.
Auch die bestehenden Verhältnisse werden unabhängig von der in den
kulturindustriellen Produkten ausgedrückten "Botschaft" im
Unterbewußten der Menschen bekräftigt und ihr konformistischer
Wertekanon gedankenlos übernommen.
"Diese Sisyphusarbeit der individuellen Triebökonomie [die ständige Zurückdrängung der Triebregungen ins Unbewußte, die ehemals die unbewußte psychische Energie der Individuen vergeudete] scheint heute `sozialisiert', von den Institutionen der Kulturindustrie in eigene Regie genommen [..]. Dazu trägt das Fernsehen, so wie es ist, das Seine bei. Je vollständiger die Welt als Erscheinung, desto undurchdringlicher die Erscheinung als Ideologie." (TVPro: S.71)
"Anstatt dem Unbewußten die Ehre anzutun, es zum Bewußtsein zu erheben und damit zugleich seinen Drang zu erfüllen und seine zerstörende Kraft zu befrieden, reduziert die Kulturindustrie, an ihrer Spitze das Fernsehen, die Menschen mehr noch auf unbewußte Verhaltensweisen, als die Bedingungen einer Existenz zuwege bringen, die den mit Leiden bedroht, der sie durchschaut, und dem Belohnungen verspricht, der sie vergötzt. Das Starre wird nicht aufgelöst, sondern verhärtet.[...] Will Kunst dem Unbewußten und Vorindividuellen sein Recht widerfahren lassen, so bedarf es dazu der äußersten Anstrengung des Bewußtseins und der Individuierung; wird diese Anstrengung nicht geleistet und statt dessen dem Unbewußten willfahrt, indem man es mechanisch reproduziert, so entartet das Unbewußte zur bloßen Ideologie für bewußte Ziele, wie dumm auch diese am Ende sich erweisen mögen."(TVPro: S.79)
All dies zusammenfassend könnte man in Anlehnung an die "Dialektik der Aufklärung" konstatieren, daß die aufgeklärte Kulturindustrie mit ihrer rationalen Verfügung über Produktion und Konsum anti-aufklärerisch wirkt und die Menschen in einem irrationalen Gesamtsystem festhält.
- Eine große Anzahl von Stereotypen taucht immer wieder auf, da sie das rasche Verständnis und somit die Marktchancen der Fernsehspiele auch bei der kurzen Zeit, in der sie Handlungen aufbauen und Personen charakterisieren können, wahren. Zu der bloßen "Zeitersparnis" kommt das Moment der Freude am Wiedererkennen im Zuschauer[36], der meint, ziemlich intelligent zu sein und noch dazu einen wahnsinnigen Spaß zu haben, wenn er schon nach zwei Minuten weiß, wie eine Person sich verhalten wird, was ihr zustoßen wird oder wer der Täter sein wird. Die Annahme, das Publikum übertrage diese Stereotypen auch auf das reale Leben, ist sicherlich nicht zu weit hergeholt[37] und müßte der empirischen Soziologie einige Untersuchungen wert sein.
"Erweckt wird der Eindruck, totalitäre Staaten seien die Folge der Charakterdefekte ehrgeiziger Politiker, und ihr Sturz sei der Noblesse derer zuzuschreiben, mit denen das Publikum sich identifiziert. Eine infantile Personalisierung der Politik wird betrieben." (S.87)
- In einer Serienepisode werden Humor, Gutmütigkeit, Charme u.ä.,
mithin Charaktereigenschaften, die nicht nur kein "revolutionäres
Potential" in sich tragen, sondern diesem oder auch nur einer Empörung
geradezu diametral entgegenstehen, als vollkommen ausreichende Qualitäten
vermittelt, die einen jeden mit Leichtigkeit über finanzielle, materielle
und sonstige physische Not hinwegheben.[38]
Abgesehen von der so heraufbeschwörten Einstellung zu gesellschaftlichen
Problemen liegt ein ähnliches, jedoch weniger offensichtliches Moment in
der Form, in der die obige "Message" dem Zuschauer vermittelt wird. Es
werden nämlich Gags und Folgerungen herangezogen, die nur durch
Assoziationen mit einem festen Bezugssystem verständlich werden. Dieses
Bezugssystem ist nun die gesellschaftliche Form, und sie wird auch hier nicht
hinterfragt oder reflektiert, sondern unbewußt vorausgesetzt und von
jedem kulturindustriellen Produkt "ausgebaut". Nur in ihm lassen sich die
beabsichtigten Spannungs- und Handlungsabläufe verstehen, in ihm werden
bald die kulturindustriellen Stereotypen auch im realen Leben wirksam.
Ähnlich die latenten Botschaften einer weiteren Episode, in der es um
eine große Erbschaft geht. Alle aus einer etwas merkwürdigen
Konstellation folgenden Pointen und Handlungen setzen beim Zuschauer die
Meinung voraus, jeder sei bereit, "ein wenig zu schwindeln, wenn er glaubt,
daß es nicht herauskommen kann, und [proklamieren] zugleich die Warnung,
solchen Impulsen nicht nachzugeben, wie denn durchweg die moralistische
Ideologie mit der Bereitschaft ihrer Anhänger rechnet, über die
Stränge zu schlagen, sobald man nur den Rücken wendet." (S. 85) -
Auch Träumerei (von Erbschaft und plötzlich zu erreichendem Reichtum)
wird diffamiert und als unweigerlich zu parasitären bis illegalen oder
unmoralischen Aktionen führend verworfen. Jeder soll eben still und
zufrieden vor sich hin werkeln, genau darin sein einzig mögliches und
tatsächlich auch realisiertes Glück sehen und sich alles darüber
Hinausgehenden enthalten.
- Etwas raffinierter (wahrscheinlich ohne Absicht) verhält es sich mit Stücken, deren offene Botschaft der verborgenen widerspricht. So wird ein Stück zitiert, das nicht zufällig an "Der Widerspenstigen Zähmung" erinnert. "Die Handlung versucht vorzuführen, wie die berühmte und erfolgreiche Frau von ihrem Narzißmus geheilt, zu einem realen Menschen gemacht wird und lernt, was sie nicht konnte: zu lieben. Dazu wird sie durch einen jungen - ausnahmsweise sympathisch gedachten - Intellektuellen, einen Dramatiker gebracht, der sie selbst liebt. Er schreibt ein Stück, in dem sie die Hauptrolle spielt, und ihre innere Auseinandersetzung mit dieser Rolle soll eine Art von Psychotherapie an ihr zuwege bringen, ihren Charakter ändern und die psychologischen Hindernisse zwischen den beiden beseitigen. In der Rolle lebt sie sowohl ihre an der Oberfläche liegende Gehässigkeit aus wie schließlich auch die edlen Impulse, die der Absicht des Stückes zufolge latent in ihr gegenwärtig sind." (S. 89) Die Psychoanalyse spielt im Stück eine große Rolle[39], wird jedoch total verfälscht dargestellt. Diese Verfälschung ist nun nicht nur eine leider unzulässige Vereinfachung für das Laienpublikum oder eine simple Fehlinformation der Autorin, sondern birgt selbst wiederum Ideologie in sich. Bekämpft wird nämlich nach der Intention des Stückes das Es, das sich doch endlich zugunsten des Über-Ichs, des (gesellschaftlich bestimmten) Gewissens zurücknehmen solle. Statt sowohl Triebregungen wie auch Impulse des ebenso unbewußten Gewissens zu durchleuchten, sie ins Bewußtsein der Person zu heben, werden die Abwehrmechanismen (Über-Ich) verherrlicht, die dem nach der tatsächlichen psychoanalytischen Theorie eigentlichen Ich im Wege stehen. Hinter dem im Grunde recht lobenswerten Appell zu Liebe, Solidarität, Rücksicht und Menschlichkeit steckt die gleichmachende Bewegung, die die Menschen am liebsten zu bloßen Rädchen im System der Gesellschaft, und zwar dieser Gesellschaft reduzieren würde.
"Das Stück läuft auf die Verleumdung von Individualität und Autonomie hinaus. Man soll sich "ergeben", und zwar weniger der Liebe, als dem Respekt für das, was die Gesellschaft nach ihren Spielregeln erwartet. Als Hauptsünde wird der Heldin angekreidet, daß sie sie selbst sein möchte: so spricht sie es selber aus. Eben das soll nicht sein [...]. Was ihr Erzieher, in seiner großen Tirade gegen den Materialismus, als stärkstes ihr entgegenschleudert, ist bezeichnend genug der Begriff der Macht . Er preist ihr die `Notwendigkeit geistiger Werte in einer materialistischen Welt', aber er findet für diese `Werte' keinen passenderen Ausdruck, als daß es eine Macht gäbe, `größer als wir und unser kleinlicher, selbstsicherer Ehrgeiz'." (S. 93f)
Macht ist auch als körperliche Gewalt des Mannes gegen die Frau das einzige Moment, das sich konkret manifestiert, anstatt daß nur darüber gesprochen würde. Die Stelle, an der die Frau geohrfeigt wird, "um sie zur Besinnung zu bringen", bestätigt "mit einem Schlag" eine ganze Ideologie, von der Unterordnung der Frau über die genau festgelegte Verteilung von Emotionalität oder Hysterie und Rationalität zwischen den Geschlechtern bis hin zur generellen Rechtfertigung von Gewalt und Macht als Ordnungsprinzip und zulässiges Mittel zur Lösung von Problemen (,unter der Berücksichtigung des "Gewaltmonopols" - nicht jeder darf Gewalt und Macht ausüben).
Auch die "Veränderung", die die Heldin durchmacht, ist lediglich eine Offenlegung ihrer immer schon vorhandenen, bisher nur verdeckten und überspielten guten Natur. "Eingreifende Selbstbesinnung" und grundsätzliche Veränderung der eigenen Persönlichkeit werden selbst der Psychologie abgesprochen, und so wird sich die bequeme Ablehnung kritischer Selbstreflexion verstärken - man ist halt was man ist, und das ist wohl gut so.
"Pseudorealistisch ist vielmehr die inwendige Konstruktion der Handlung. Der psychologische Prozeß, der vor Augen gestellt wird, ist erschwindelt. [...] Psychoanalyse, oder um welchen Typus von Psychotherapie es sich auch handeln mag, wird in einer Weise verkürzt und dingfest gemacht, die nicht nur der Praxis jeden derartigen Verfahrens Hohn spricht, sondern dessen Sinn ins Gegenteil verkehrt. [...] Mit allerhand Charakterzügen wird herumgewürfelt, ohne daß das Entscheidende, der unbewußte Ursprung jener Charakterzüge, überhaupt aufkäme. Die Heldin, der `Patient', ist sich von Anbeginn über sich selbst klar. Solche Verlagerung an die Oberfläche macht alles Psychologische, das da vorgehen soll, zum Kinderspott. Zentrale Veränderungen in Menschen sehen aus, als brauchte nur jemand seinen `Problemen' gegenüberzutreten und der besseren Einsicht seiner Helfer zu vertrauen, und alles werde gut. Dicht unter der psychologischen Routine und dem `Psychodrama' lauert unverändert die schlechte alte Idee von der Zähmung der Widerspenstigen: daß ein liebesfähiger und starker Mann die launische Unberechenbarkeit einer unreifen Frau überwindet. Der tiefenpsychologische Gestus taugt nur dazu, abgestandene patriarchalische Anschauungen Betrachtern schmackhaft zu machen, die unterdessen von Komplexen etwas haben läuten hören. Anstatt daß die Psychologie der Heldin konkret sich manifestierte, schwatzen die beiden Hauptfiguren selber über Psychologie. Diese wird, in schreiendem Widerspruch zu neuerer Einsicht, ins bewußte Ich verlegt. [...] So verbiegt das Spiel das Bild der Psychologie im Betrachter. Er wird das genaue Gegenteil ihrer Intention erwarten, und die ohnehin weit verbreitete Feindschaft gegen eingreifende Selbstbesinnung wird sich verstärken. [...] Während das Stück durchblicken läßt, auf wie vertrautem Fuß es mit den jüngsten Errungenschaften der Seelenkunde steht, schaltet es mit völlig starren, statischen Begriffen. Die Menschen sind, was sie sind, und die Veränderungen, die sie durchmachen, bringen lediglich heraus, was, als ihre `Natur', ohnehin in ihnen steckt. Damit tritt die verborgene Botschaft des Spiels in Gegensatz zur offenbaren."(S. 90ff)
Nachdem diese Spiele gar nicht mehr behaupten, Kunst zu sein[40], wird das Fernsehen wird an ihm immanenten Momenten
gemessen: der offenbaren Botschaft des jeweiligen Spiels, aber auch an dem
Anspruch, dem Zuschauer eine Unterhaltung zu bieten, die er unbeteiligt und
indifferent hinnehmen kann und die ihm lediglich zum kurzweiligen Zeitvertreib
dienen soll. Keine Erwähnung finden in diesem Aufsatz die sicherlich oft,
aber dennoch nicht generell zu konstatierenden Mechanismen des Starkultes oder
Technikfetischismus in den Fernsehspielen.
Wenn tatsächlich ein moralischer Gehalt kolportiert werden soll, so ist
dieser auf ein anderes moralisches Moment zu beziehen, nämlich auf die
vernünftige Einrichtung der Gesamtgesellschaft. Diese Beziehung ist es
auch, die mit der ständigen Besinnung auf den gesellschaftlichen
Wirkungszusammenhang und auf die Konsequenzen immer, nicht nur anhand von
plakativen und vordergründigen moralischen Botschaften der Produkte, mit
durchzuhalten ist. Die Beziehung der durchs Fernsehspiel vorgestellten
Handlungen und Vorstellungen auf die Einrichtung der Gesamtgesellschaft scheint
nur zu weit hergeholt - mit dem Adornoschen Verständnis von Gesellschaft
oder Moral, mit dem oben dargelegten Begriff von Kulturkritik und mit Adornos
Erfahrung des Dritten Reichs erst recht ist sie nicht nur sinnvoll
möglich, sondern sogar dringend notwendig, gerade weil das
Fernsehen eine solche Wirkung auf die Massen auszuüben vermag und somit
nicht nur Gefahr, sondern auch Potential zum Besseren in sich birgt.
"Der Kunde ist Kenner
Jetzt haben wir es schwarz auf weiß. Nach einer Umfrage von SAT.1 ist
der TV-Konsument alles andere als ein wehrloses, beliebig manipulierbares Opfer
der elektronischen Medien. `Grundsätzliches Mißtrauen gegenüber
den Produkten und den Absichten ihrer Macher' prägt sein Verhalten vor der
Glotze. Der heutige Zuschauer steht im Rang eines routinierten Experten, der
sowohl mit der Machart wie mit den Wirkungsmöglichkeiten einzelner
Sendungen gut vertraut ist. Was er vom Fernsehen erwartet, ist vor allem eine
`perfekte Dienstleistung'." (TV Spielfilm 12/96 S. 52)
[2] Des weiteren fließt in die Gestalt von Kultur die Bemühung ein, die Menschen in ihrer Freizeit so zu "be-arbeiten", daß sie anschließend in ihrer Arbeitszeit wieder die maximale Leistung bringen können und wollen.
[3] (im mehrfachen Sinne von "noch nicht hergestellter", "herstellbarer" und "herzustellen seiender" (normativ))
[4] "Spenglers denunziatorischer Satz, Geist und Geld gehörten zusammen, trifft zu. Aber seiner Sympathie mit der unmittelbaren Herrschaft zuliebe redete er einer der ökonomischen wie der geistigen Vermittlungen entäußerten Verfassung des Daseins das Wort und warf den Geist mit einem in der Tat überholten ökonomischen Typus zusammen, anstatt zu erkennen, daß Geist [(oder Kultur)], wie sehr auch Produkt jenes Typus, zugleich doch die objektive Möglichkeit impliziert, ihn zu überwinden. - Wie Kultur, als ein von der unmittelbaren, je eigenen Selbsterhaltung sich Absetzendes, im Verkehr, der Mitteilung und Verständigung, dem Markt entsprang [...], so ist am Ende die nach den klassischen Spielregeln `gesellschaftlich notwendige', nämlich ökonomisch sich selbst reproduzierende Kultur wieder auf das zusammengeschrumpft, als was sie begann, auf die bloße Kommunikation." (KuG, S. 14f)
[5] "Bildung ist nichts anderes als Kultur nach der Seite ihrer subjektiven Zueignung" (ThHalbb: S. 94)
[6] "Indem er [der Kritiker] Kultur zu seinem Gegenstand macht, vergegenständlicht er sie nochmals. Ihr eigener Sinn ist aber die Suspension von Vergegenständlichung." (KuG: S. 11)
[7] "Der Doppelcharakter der Kultur, dessen Balance gleichsam nur augenblicksweise glückte, entspringt im unversöhnten gesellschaftlichen Antagonismus, den Kultur heilen möchte und als bloße Kultur nicht heilen kann. In der Hypostasis des Geistes durch Kultur verklärt Reflexion die gesellschaftlich anbefohlene Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit." (ThHalbb: S. 96)
"Kultur ist längst zu ihrem eigenen Widerspruch, zum geronnenen Inhalt des Bildungsprivilegs geworden; darum gliedert sie nun in den materiellen Produktionsprozeß als dessen verwalteter Anhang sich ein." (KuV: S. 141)
[8] "Die Neutralisierung der Kultur, die man befördert, indem man blind bewahrt, ist von dem Schweizer Dichter Max Frisch "Kultur als Alibi" genannt worden. Bildung heute hat nicht zum geringsten die Funktion, das geschehene Grauen und die eigene Verantwortung vergessen zu machen und zu verdrängen. Als isolierter Daseinsbereich, bar einer genauen Beziehung zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, taugt Kultur dazu, den Rückfall in die Barbarei zu vertuschen." (Auf: S. 28)
[9] "Der Schein ist total geworden in einer Phase, in der Irrationalität und objektive Falschheit hinter Rationalität und objektiver Notwendigkeit sich verstecken. Dennoch setzen die Antagonismen um ihrer realen Gewalt willen auch im Bewußtsein sich durch. Gerade weil Kultur das Prinzip von Harmonie in der antagonistischen Gesellschaft zu deren Verklärung als geltend behauptet, kann sie die Konfrontation der Gesellschaft mit ihrem eigenen Harmoniebegriff nicht vermeiden und stößt dabei auf Disharmonie." (KuG: S.17)
[10] "Schein ist dialektisch als Widerschein der Wahrheit; was keinen Schein gelten läßt, wird erst recht dessen Opfer, indem es mit dem Schutt die Wahrheit drangibt, die anders als in diesem nicht erscheint." (VA: S. 80)
[11] "Der Jazz muß eine "Massenbasis" besitzen, die Technik muß an ein Moment in den Subjekten anknüpfen, das freilich wieder auf die soziale Struktur und auf typische Konflikte zwischen Ich und Gesellschaft zurückverweist." (Jazz: S. 129, Hervorhebung von mir)
[12] Hiermit ist weniger die Gesinnung des Urhebers gemeint, als die historisch-gesellschaftliche Situation, die die Idee des Werkes im Urheber - quasi von selbst - zeitigte. Adorno sieht die Freiheit des Künstlers gegenüber seinem eigenen Werk eher skeptisch.
[13] Im Gegensatz zu transzendenter Kritik. Adorno fordert mit der dialektische Kulturkritik eine Verbindung der beiden.
[14] "Die gesellschaftlichen, technischen, künstlerischen Aspekte des Fernsehens können nicht isoliert behandelt werden. Sie hängen in weitem Maße voneinander ab: die künstlerische Beschaffenheit etwa von der hemmenden Rücksicht auf die Publikumsmassen [..]; die gesellschaftliche Wirkung von der technischen Struktur."(TVPro:S.69)
[15] "Werden die Massen, zu Unrecht, von oben her als Massen geschmäht, so ist es nicht zum letzten die Kulturindustrie, die sie zu den Massen macht, die sie dann verachtet, und sie an der Emanzipation verhindert, zu der die Menschen selbst so reif wären, wie die produktiven Kräfte des Zeitalters sie erlaubten." (ResK: S.70) ... "wohl sei der Fortschritt von der Steinschleuder zur Megatonnenbombe satanisches Gelächter, aber erst im Zeitalter der Bombe ein Zustand zu visieren, in dem Gewalt überhaupt verschwände." (Fortschritt - S.41)
[16] Mehr läßt sich auch dem unten ausgeführten Beispiel entnehmen.
[17] "In all ihren Sparten werden Produkte mehr oder minder planvoll hergestellt, die auf den Konsum durch Massen zugeschnitten sind und in weitem Maß diesen Konsum von sich aus bestimmen." (ResK: S. 60)
[18] "Marx bestimmt den Fetischcharakter der Ware als die Veneration des Selbstgemachten, das als Tauschwert Produzenten und Konsumenten - den `Menschen' - sich gleichermassen entfremdet: `Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein ausser ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen.' Dies `Geheimnis' ist auch das wahre Geheimnis des Erfolgs. [...] Denn dies Bereich [der Kulturgüter] erscheint in der Warenwelt eben als von der Macht des Tausches ausgenommen, als eines der Unmittelbarkeit zu den Gütern, und dieser Schein ist es wiederum, dem die Kulturgüter ihren Tauschwert allein verdanken. Zugleich jedoch fallen sie vollständig in die Warenwelt hinein, werden für den Markt verfertigt und richten sich nach dem Markt. So dicht ist der Schein der Unmittelbarkeit wie der Zwang des Tauschwerts unerbittlich. Das gesellschaftliche Einverständnis harmonisiert den Widerspruch. Der Schein von Lust und Unmittelbarkeit bemächtigt sich des Tauschprinzips selber. Setzt die Ware allemal sich aus Tauschwert und Gebrauchswert zusammen, so wird der reine Gebrauchswert, dessen Illusion in der durchkapitalisierten Gesellschaft die Kulturgüter bewahren müssen, durch den reinen Tauschwert substituiert, der gerade als Tauschwert die Funktion des Gebrauchswertes trügend übernimmt. In diesem Quid pro quo konstituiert sich der spezifische Fetischcharakter der Musik: die Affekte, die auf den Tauschwert gehen, stiften den Schein des Unmittelbaren, und die Beziehungslosigkeit zum Objekt dementiert ihn zugleich." (FMRH: S. 330f)
[19] "Die Emanzipation der Teile von ihrem Zusammenhang und allen Momenten, die über ihre unmittelbare Gegenwart hinausgehen, inauguriert jene Verschiebung des musikalischen Interesses auf den partikularen, sensuellen Reiz, die von Kulturrettern so sehr missverstanden wird." (FMRH: S. 343)
[20] Die Fans sind "Schauspieler der eigenen Ekstase. Überhaupt von etwas hingerissen zu sein, eine vermeintlich eigene Sache haben, entschädigt sie für ihr armes und bilderloses Dasein." (Jazz: S. 128)
"Jedes Produkt gibt sich als individuell; die Individualität selber taugt zur Verstärkung der Ideologie, indem der Anschein erweckt wird, das ganz Verdinglichte und Vermittelte sei eine Zufluchtsstätte von Unmittelbarkeit und Leben." (ResK: S.63)
[21] Als etwas plakatives Beispiel und zur Verdeutlichung sei, ohne jemandem auf die Füße treten zu wollen, an die wahrhaft "künstliche" Identität des Michael Jackson erinnert - eine Figur, an die Oscar Wilde im Dorian Gray nicht im Traum gedacht, aber sicher an ihr Freude gehabt hätte.
[22] "Zugleich aber wächst mit dem Lebensstandard der Bildungsanspruch als Wunsch, zu einer Oberschicht gerechnet zu werden, von der man ohnehin subjektiv immer weniger sich unterscheidet. Als Antwort darauf werden immense Schichten ermutigt, Bildung zu prätendieren, die sie nicht haben. Was früher einmal dem Protzen und dem nouveau riche vorbehalten war, ist Volksgeist geworden. Ein großer Sektor der kulturindustriellen Produktion lebt davon und erzeugt selbst wiederum das halbgebildete Bedürfnis; [..] der Ausverkauf ganzer Wissenschaften wie der Archäologie oder Bakteriologie, der sie in grobe Reizmittel verfälscht und dem Leser einredet, er sei au courant. Die Dummheit, mit welcher der Kulturmarkt rechnet, wird durch diesen reproduziert und verstärkt. Frisch-fröhliche Verbreitung von Bildung unter den herrschenden Bedingungen ist unmittelbar eins mit ihrer Vernichtung." (ThHalbb: S. 110)
[23] "Keineswegs ist die psychoanalytische Interpretation kultureller Stereotypen zu weit hergeholt; die Kurzdramen selber kokettieren, der Konjunktur gehorchend, mit der Psychoanalyse. Manchmal kommen die von dieser latent unterstellten Motive an die Oberfläche." (TVId: S.88)
[24] "Dem Ziel, die gesamte sinnliche Welt in einem alle Organe erreichenden Abbild noch einmal zu haben, dem traumlosen Traum, nähert man sich durchs Fernsehen und vermag zugleich ins Duplikat der Welt unauffällig einzuschmuggeln, was immer man der realen für zuträglich hält."(TVPro: S.69)
[25] "A la reproduction même la plus perfectionnée d'une oeuvre d'art, un facteur fait toujours défaut: son hic et nunc , son existence unique au lieu où elle se trouve. Sur cette existence unique, exclusivement, s'exerçait son histoire. [...] Le hic et nunc de l'original forme le contenu de la notion de l'authenticité, et sur cette dernière repose la représentation d'une tradition qui a transmis jusqu'à nos jours cet object comme étant resté identique a lui-même. Les composantes de l'authenticité se refusent à toute reproduction, non pas seulement à la reproduction mécanisée. [...] On pourrait réunir tous ces indices dans la notion d'aura et dire: ce qui, dans l'oevre d'art à l'époque de la reproduction mécanisée, dépérit, c'est son aura. Processus symptomatique dont la signification dépasse de beaucoup le domaine de l'art. La technique de reproduction - telle pourrait être la formule générale - détache la chose reproduite du domaine de la tradition. En multipliant sa reproduction, elle met à la place de son unique existence son existence en série et, en permettant à la reproduction de s'offrir en n'importe quelle situation au spectateur ou à l'auditeur, elle actualise la chose reproduite." (Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner mechanischen Reproduzierbarkeit. in: Zeitschrift für Sozialforschung, Jahrgang V/1936. München 1980, S. 41f)
[26] "Or, il est de la plus haute signification que le mode d'existence de l'oeuvre d'art déterminé par l'aura, ne se sépare jamais absolument de sa fonction rituelle. En d'autres termes: la valeur unique de l'oeuvre d'art "authentique" a sa base dans le rituel. [...] la reproduction mécanisée, pour la première fois dans l'histoire universelle, émancipe l'oeuvre d'art de son existence parasitaire dans le rituel. [...] Mais dès l'instant où le critère d'authenticité cesse d'être applicable à la production artistique, l'ensemble de la fonction sociale de l'art se trouve renversé. A son fond rituel doit se substituer un fond constitué par une pratique autre: la politique." (Benjamin, S. 44f)
[27] "Die Ersatzbefriedigung, die die Kulturindustrie den Menschen bereitet, indem sie das Wohlgefühl erweckt, die Welt sei in eben der Ordnung, die sie ihnen suggerieren will, betrügt sie um das Glück, das sie ihnen vorschwindelt." (ResK: S.69)
[28] Man betrachte hierzu nur einmal die mit den Schlagworten "Virtual Reality / Cyberspace" und "Trekkie" assoziierten Phänomene und ihre (übrigens vielfach kommerziellen) Spielarten.
"Dem Ziel, die gesamte sinnliche Welt in einem alle Organe erreichenden Abbild noch einmal zu haben, dem traumlosen Traum, nähert man sich durchs Fernsehen und vermag zugleich ins Duplikat der Welt unauffällig einzuschmuggeln, was immer man der realen für zuträglich hält."(TVPro: S.69)
[29] Thematisiert wird bei Adorno etwa die Typisierung des Künstlers als eines solchen Sonderlings, der allerdings bei dieser Typisierung eher schlecht wegkommt.
[30] Diese Trennung ist selbst auch wieder eine von Kulturindustrie und ökonomischen Bedingungen im Bewußtsein der Menschen produzierte und kritisch zu hinterfragen. Als faktisch gegeben spielt sie jedoch wenigstens in der gegenwärtigen Situation eine gewichtige Rolle (vgl. Freizeit).
[31] "Was die Kulturindustrie liefert, empfiehlt sich allein schon durch die in Amerika eingestandene Rekla