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Die Rettung der Metaphysik


I


Adornos Konzeption hält trotz aller Kritik aus verschiedenen Gründen an Metaphysik fest, er kritisiert sie, um sie zu retten. Beim Aufweis ihrer Notwendigkeit gehen verschiedene Arten von Argumenten ineinander über: erkenntnistheoretische überlegungen nötigen zum Bezug jeder Theorie auf tatsächliche (physische) Erfahrungen der Menschen, und diese wiederum werden tragfähig nur im Lichte einer Betrachtung der gesellschaftlichen Zustände, über die natürlich ein eminent moralischer Aspekt in die Argumentation einfließt. Dies ist nur eine Weise der Verknüpfung artverschiedener Argumente, andere werden deutlich werden.

„Rationalität, welche die noch bei den Aufklärern und St. Simon hoch rangierende Phantasie ausscheidet, die, komplementär dazu,von sich aus eintrocknet, ist irrationalistisch korrumpiert."(376)
Die „Trennung von Sinnlichkeit und Verstand", die Beschränkung des Denkens aufs begriffliche, identifizierende Denken entzieht beiden Seiten ihre Verbindung zu den Objekten, damit metaphysischen Fragen den Boden und den getrennten Seiten ihr kreatives und transzendierendes Moment. Die Metaphysik, die danach noch verbleibt, ist herabgewürdigt, säkularisiert zur sogenannten Sinnfrage, der Frage nach dem Sinn des Lebens, die sie allerdings schon aufgrund ihrer Gestalt nie lösen wird können, die sie sogar schon falsch versteht. Dieses Fehlverständnis beruht zum Teil auf einer dem identifizierenden Denken eigenen Wahrheitsvorstellung und drückt sich in der - im identifizierenden Denken unartikulierbaren - Ahnung aus, das Leben so wie die Frage nach seinem Sinn seien eitle Pseudo-Aktivität.
„Das Leben nährt den Horror der Ahnung, was erkannt werden muß, gliche eher dem, was down to earth sich findet, als dem, was sich erhebt. (...) Das triviale Bewußtsein, wie es theoretisch im Positivismus und unreflektierten Nominalismus sich ausspricht, mag der adaequatio rei atque cogitationis näher sein als das sublime, in fratzenhaftem Hohn auf die Wahrheit wahrer als das überlegene, außer wenn ein anderer Begriff von Wahrheit gelingen sollte als der von adaequatio. Solcher anderen Wahrheit gilt die Innervation, Metaphysik möchte gewinnen allein, wenn sie sich wegwirft."(357)

Adorno bezweifelt mit Hilfe des im Gegensatz dazu vorgestellten Begriffs unverkürzter Erfahrung die Wirksamkeit des Kantischen Blocks, der Theorie von den Grenzen möglicher positiver Erfahrung. Diese basiere auf einem Form-Inhalt-Dualismus, der sich in dem unvermittelten Verhältnis von Formen des Erkennens und des Bewußtseins, zu Erfahrung und zu den das Bewußtsein affizierenden Dingen selbst ausdrücke, der jedoch von lebendiger Erfahrung selbst widerlegt wird, „die ja, je offener sie ist und je mehr sie sich aktualisiert, immer auch ihre eigenen Formen verändert."(380) Die Formen des Bewußtseins, der Erkenntnis und der Erfahrung sind kein Invariantes, Letztes, sondern es existiert eine „Reziprozität" zwischen ihnen und dem seienden Inhalt, beide sind durcheinander vermittelt.

„Das Subjekt wird sowohl erhöht wie erniedrigt, wenn die Grenze in es, seine transzendentallogische Organisation verlagert wird. Das naive Bewußtsein, dem wohl auch Goethe zuneigte: man wisse es noch nicht , aber vielleicht enträtsele es sich doch noch, ist an der metaphysischen Wahrheit näher als Kants Ignoramus."(379)

Diese Haltung drückt eine andere Einstellung in bezug auf Wahrheit aus. Deren Erkenntnis kann gelingen, aber nicht in den Schranken des identifizierenden Denkens, sondern nur unter Einbeziehung jener „Reziprozität", unter Berücksichtigung des Vorrang des Objekts. Erst ein solches Denken, das der inneren und äußeren Herrschaft/Reglementierung entsagte, wäre Metaphysik, wie sie Adorno vorschwebte. Mit dem Dementi des Blocks ist zunächst nur etwas über die Möglichkeit von Metaphysik gesagt. über den Bezug zu Herrschaft gelangt jedoch auch ein moralisches Argument der Befreiung und Aufklärung (,sowie der anzustrebenden Autonomie des Denkens) in diesen Argumentationsstrang, der dann für die Notwendigkeit von Metaphysik spricht:
„Die Gefangenschaft in der Immanenz, zu der er (Kant), so redlich wie grausam, den Geist verdammt, ist die in der Selbsterhaltung, wie sie den Menschen eine Gesellschaft auferlegt, die nichts konserviert als die Versagung, deren es schon nicht mehr bedürfte. Wäre die käferhaft naturgeschichtliche Sorge einmal durchstoßen, so wäre die Stellung des Bewußtseins zur Wahrheit verändert. (...) Die Trennung von Sinnlichkeit und Verstand, der Nerv der Argumentation für den Block, ist ihrerseits gesellschaftliches Produkt; Sinnlichkeit wird durch den Chorismos als Opfer des Verstandes designiert, weil die Einrichtung der Welt, trotz aller entgegengesetzten Veranstaltungen, sie nicht befriedigt."(381f)

Obwohl auch nach Kant Theorie ohne Metaphysik nicht möglich ist (377) - ein quasi-epistemischer Grund für das Bestehen auf Metaphysik -, wird in Berufung auf ihn der identifizierende Ansatz verteidigt, der sie eliminiert, so die Begründung von Erfahrung unmöglich macht und die Herrschaftsverhältnisse auch im Denken selbst gleichsam metaphysisch befestigt. Alles an Erkenntnis und Denken wird ausgemerzt, was sich nicht den Spielregeln der Apriorität synthetischer Urteile fügt. (381)
Vernunftkritik, verstanden als Nachweis ihrer Begrenztheit und Dokumentation ihrer Unfähigkeit, sich mit metaphysischen Fragen zu beschäftigen, setzt bereits einen transzendenten Standpunkt voraus, um von ihm aus die Aporien der Vernunft, so sie transzendieren will, zu verurteilen. Kant wußte das und inkorporierte diese Erkenntnis in seine Lehre vom Intelligiblen.

„Die Erwägung, ob Metaphysik überhaupt noch möglich sei, muß die von der Endlichkeit (,vom Geist) erheischte Negation des Endlichen (des Denkens) reflektieren. Ihr Rätselbild beseelt das Wort Intelligibel. Seine Konzeption ist nicht durchaus unmotiviert dank jenes Moments von Selbständigkeit, das der Geist durch seine Verabsolutierung einbüßte und das er als auch seinerseits mit dem Seienden nicht Identisches erlangt, sobald auf dem Nichtidentischen bestanden, nicht alles Seiende in Geist verflüchtigt wird. Geist hat, bei all seinen Vermittlungen, an dem Dasein teil, das seine vorgeblich transzendentale Reinheit substituierte. Im Moment transzendenter Objektivität, so wenig es abzuspalten und zu ontologisieren ist, hat die Möglichkeit von Metaphysik ihre unauffällige Stätte."(385)

So sehr zwar an Vernunftkritik als Kritik begrifflich-identifizierenden Denkens festzuhalten ist, so wenig darf die Perspektive eines trotz, bzw. gerade in dieser Kritik transzendenten Denkens, eines transzendenten Geistes aufgegeben werden. Im reflektierten Bewußtsein, daß Vernunftkritik über ihren eigenen Begriff hinaustreibt, setzt Metaphysik an. Das oben angesprochene Moment der Selbständigkeit läßt sich (noch) von jedem Menschen ausmachen in unverkürzter, lebendiger(, metaphysischer) Erfahrung und bietet eine sozusagen „empirische" Motivation für Metaphysik.

„Gelähmt ist die Fähigkeit zur Metaphysik, weil, was geschah, dem spekulativen metaphysischen Gedanken die Basis seiner Vereinbarkeit mit der Erfahrung zerschlug."(354)
Auschwitz und die Geschichte offenbaren eine unbegreifliche Grausamkeit gegenüber dem menschlichen Leben, die sich mit spekulativen Gedanken und theoretischen Fragestellungen unmöglich einholen läßt - noch weniger mit Theorien, die im Medium positivistischen Denkens bleiben und nurmehr konstatierenden Charakter haben. Jede Theorie gerät in Gefahr, das tatsächliche physische Leiden der Menschen zu übergehen, indem sie es nicht angemessen berücksichtigt, weil sie es als Theorie überhaupt nicht angemessen berücksichtigen kann. Gleichzeitig drängt diese Grausamkeit und die Konfrontation mit dem Leiden selbst zur Metaphysik, die allein sich mit einem jedem Begriff spottenden Tod abgeben kann. Das Leiden verhindert die bloße, unreflektierte Hinnahme des eigenen Glücks, es zwingt zur theoretischen Betrachtung seiner. „Glück, das einzige an metaphysischer Erfahrung (...)krankt an Fehlbarkeit und Relativität."(367)
Schon die bloße Unerträglichkeit des Bestehenden zwingt zur Metaphysik. Dabei bezieht sich Adorno zum Teil auf gesellschaftlich-historische Zustände oder Ereignisse wie das Dritte Reich oder Armut und Leiden im, bzw. durch das kapitalistische System, oder auf gewissermaßen existentielle Momente jedes einzelnen menschlichen Lebens, wie die Konfrontation mit Tod und Krankheit, schließlich mit der unausweichlichen Besinnung auf den eigenen Tod. Auch den verschiedenen Spielarten von Todesmetaphysiken erteilt Adorno jedoch eine Absage: sie seinen entweder reklamehafte Sinngebungen oder bloße Tautologien. Da im Tod die Nichtigkeit des Lebens auch vor dem Tod offenbar wird - „Vernichtet wird ein an sich und vielleicht auch schon für sich Nichtiges"(363) -, wird er verdrängt oder verklärt. Diese Abwendung und Verdrängung ist dem metaphysischen Bedürfnis aber nicht angemessen. „Dem metaphysischen Bedürfnis schneidet eine Grimasse, wer sich abwendet von dem, was seine mögliche Erfüllung negiert."(364)
Trotz dieser Kritik an Todesmetaphysiken ist der Tod, sei er nun durch den Holocaust oder im heutigen alltäglichen Leben ein zentraler Ansatzpunkt für Adornos Rettungsversuch:
„Die Schuld des Lebens, das als pures Faktum bereits anderem Leben den Atem raubt, (...) ist mit dem Leben nicht mehr zu versöhnen. (...) Das, nichts anderes zwingt zur Philosophie." (357)ähnlich spricht Adorno angesichts des Holocaust, bzw. seines nicht vorgesehenen überlebens (,das auch andere betrifft) von der „drastischen Schuld des Verschonten".(356)
Das Sterben durch Verwaltung stimmt auf keine Weise mehr mit dem Verlauf des Lebens der Einzelnen zusammen. „In der vergesellschafteten Gesellschaft jedoch, dem ausweglos dichten Gewebe der Immanenz, empfinden die Menschen den Tod einzig noch als ein ihnen äußerliches und Fremdes, ohne Illusion seiner Kommensurabilität mit ihrem Leben. Sie können sich nicht einverleiben, daß sie sterben müssen. Daran heftet sich ein queres, versprengtes Stück Hoffnung"(362) : der Tod wird als heterogen, ichfremd erfahren, das Ich jedoch als über den Tod hinausstrebend, -weisend.
„Daß man selbst zu sterben hat, erscheint auch dem Alternden, der die Zeichen der Hinfälligkeit gewahrt, eher wie ein von der eigenen Physis verursachter Unglücksfall, mit Zügen der gleichen Kontingenz wie der der heute typischen auswendigen Unglücksfälle. Das kräftigt die Spekulation, welche die Einsicht vom Vorrang des Objekts kontrapunktiert: ob nicht der Geist ein Moment des Selbständigen, des Unvermischten habe, das frei wird gerade dann, wenn er nicht seinerseits alles frißt und von sich aus die Todesverfallenheit reproduziert."(363)
Dieses Moment kann vielleicht die Resistenzkraft der Idee der Unsterblichkeit erklären, die zumindest das metaphysische Bedürfnis der Menschen belegt.

Adorno will den Nihilismus verteidigen, von dem er aber ein ganz besonderes Verständnis hat. Der Nihilismus habe sich gegen triviale Begriffs- und Wortspielerei zu behaupten, er darf nicht in Affirmation, auch nicht seiner „Nichts-Vorstellung" übergehen und er muß die Beziehung aufs tatsächliche Dasein, auf die Gesellschaft und die konkreten Lebensumstände der Menschen aufrechterhalten.
„Wo die Menschen der Gleichgültigkeit ihres Daseins versichert sind, erheben sie keinen Einspruch; solange sie nicht ihre Stellung zum Dasein verändern, ist ihnen eitel auch das Andere. Wer das Seiende unterschiedslos und ohne Perspektive aufs Mögliche der Nichtigkeit zeiht, leistet dem stumpfen Betrieb Beihilfe. Die Vertiertheit, auf die solche Praxis hinausläuft, ist schlimmer als die erste: sie wird sich selbst zum Prinzip. Die Kapuzinerpredigt von der Eitelkeit der Immanenz liquidiert insgeheim auch die Transzendenz, die einzig von Erfahrungen in der Immanenz gespeist wird."(390)
Die prominente Kritik am Nihilismus als Wert-, Bindungs- und Orientierungsverlust läuft allerdings in eine andere Richtung, und ihr widerspricht Adorno: „Verkleistert wird die Perspektive, ob nicht der Zustand , in dem man sich an nichts mehr halten könnte erst der menschenwürdige wäre."(373)
Diese Kritik läuft auf eine Bekräftigung der Verhältnisse hinaus, wobei nicht nur diese eigentlich unhaltbar sind, sondern auch die Bekräftigung am Ende sich nicht auf Werte gründet, ihrerseits nihilistisch ist als Aufgabe der Hoffnung auf änderung und Besserung.
„Das aufs Ganze gehen, den Nettoprofit des Lebens kalkulieren, ist eben der Tod, dem die sogenannte Sinnfrage entgehen will, auch wofern sie, ohne anderen Ausweg, vom Sinn des Todes sich begeistern läßt. Was ohne Schmach Anspruch hätte auf den Namen Sinn, ist beim Offenen, nicht in sich Verschlossenen; die These, das Leben habe keinen, wäre als positive genauso töricht, wie ihr Gegenteil falsch ist; wahr ist jene nur als Schlag auf die beteuernde Phrase."(370)

„Das totum ist das Totem"(370) - Ein Begriffssystem soll die vollständige Integration des gesamten Lebens leisten. Wenn das nicht gelingt, und es gelingt nicht, wird entweder jede Möglichkeit von Erkenntnis bezweifelt oder das Inkommensurable verdrängt. Trivial, daß ein solches Denken Metaphysik weder angemessen betreiben, noch auch nur würdigen kann. Die erstrebte Reinheit der Vernunft, in der sich eine solche falsche Metaphysik meint bewegen zu sollen, macht sie tatsächlich nicht bloß eitel, sondern in der gesellschaftlichen Konsequenz verhängnisvoll.
„Metaphysische Erwägungen, die der Elemente sich zu entledigen suchen, die an ihnen Kultur, vermittelt sind, verleugnen das Verhältnis ihrer vorgeblich reinen Kategorien zum gesellschaftlichen Inhalt."(361)
„Geist, als Metaphysik nicht minder denn als Kunst, neutralisiert sich, je mehr, worauf die Gesellschaft als auf ihre Kultur stolz war, die Beziehung auf mögliche Praxis einbüßt."(387)

Die Subjekte richten sich nach dem Scheitern der Systeme in falscher, weil unnötiger und fataler Bescheidenheit im Bestehenden ein und geben jede darüber hinausgehende Perspektive preis. „Nicht länger der Unendlichkeit der Wesens vertrauend, das es selber beseele, befestigt es (das Subjekt) sich widers eigene Wesen in der eigenen Endlichkeit und in dem Endlichen."(376)
Gleichgültigkeit und Mangel an Metaphysischem sind jedoch Produkte der Geschichte, eines vereinseitigten Selbstverständnisses der Menschen und dessen Bekräftigung im alltäglichen Leben, sie sind nicht im Menschenwesen, selbst Metaphysikum - auch wenn durch die Tiefe der Neutralisierung diese als anthropologische Konstante erscheinen mag.
Aufklärung (,wie dialektisch auch immer), öffnung von Kulturen, Verlust von nicht hinterfragbaren Normen und Gewißheiten und Bestrebungen zur Autonomie der Menschen dementieren nicht Metaphysik, sondern machen sie vielleicht erst möglich. Metaphysik und metaphysische Erfahrung / Besinnung fällt mit der Realisierung von Idealen zusammen, die keineswegs kontrovers gesehen werden, z.B. Autonomie.
„Die Geschlossenheit von Kulturen, die kollektive Verbindlichkeit metaphysischer Anschauungen, ihre Macht übers Leben, garantiert nicht ihre Wahrheit. Eher ist die Möglichkeit metaphysischer Erfahrung verschwistert der von der Freiheit, und ihrer ist erst das entfaltete Subjekt fähig, das die als heilsam angepriesenen Bindungen zerrissen hat."(389)
Auf dem Wege dahin ist es an Metaphysik, darüber nachzudenken, wie und wie weit Subjekte über ihre Konstitution, Situiertheit und Subjektivität hinausgehen können, wie Metaphysik mit jenen Idealen zusammenhängt und -fällt, wie sie inhaltlich zu denken wären, denn wenn auch die Ideale unumstritten (weil oft inhaltlich unterbestimmt) sind, so stoßen doch die Mittel und Wege, sie zu realisieren auf Widerstand und werden heftigst diskutiert.

Vernunftkritik gerät leicht dahinein, den Geist selbst, seine Erkenntnisfähigkeit, Kreativität und Phantasie zu depotenzieren. Die grenzsetzende Intention schränkt nach dem Fall des „absoluten Geistes" des deutschen Idealismus nur noch das erkennende Subjekt ein. Aus der Zerstörung der metaphysischen Systeme wurde der Angriff auf metaphysische Spekulation überhaupt, „das kritische wird zum entsagenden. Nicht länger der Unendlichkeit der Wesens vertrauend, das es selber beseele, befestigt es (das Subjekt) sich widers eigene Wesen in der eigenen Endlichkeit und in dem Endlichen."(376)
Das Bestehende wird aus der oben erwähnten fatalen und falschen Bescheidenheit / Bescheidung bekräftigt, indem das einzige, was es erkennen, verändern und über es hinaustreiben könnte aufgegeben, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Metaphysik ist allein schon als Bestärkung des Geistes, Pflege einer offenen Perspektive wünschenswert, sie erfordert und befördert autonomes Denken, das sich keinen Beschränkungen unterwirft.

II

„Je mehr an Transzendenz danach durch Aufklärung in der Welt und im Geist zerfällt, desto mehr wird sie zum Verborgenen, wie wenn sie in einer äußersten Spitze über allen Vermittlungen sich konzentrierte. (...) Die Frage nach der Metaphysik schärft sich zu der, ob dies ganz Dünne, Abstrakte, Unbestimmte deren letzte und bereits verlorene Verteidigungsposition sei, oder ob Metaphysik allein im Geringsten und Schäbigsten überlebt, im Stand vollendeter Unscheinbarkeit die selbstherrliche und widerstandslos, reflexionslos ihr Geschäft besorgende Vernunft zur Vernunft bringt."(394f)
Adornos Vorstellung von Metaphysik fußt auf einem Erfahrungsbegriff, der Widersprüche nicht von vornherein systematisch ausschließt. Die unverkürzte Erfahrung jener Widersprüche bietet den eigentlichen Ansatzpunkt für Reflexion, schließlich für Metaphysik. So ist schon der Begriff der Transzendenz selbst paradox, eine Paradoxie, die es auszuhalten gilt, und die ebenso auf die Veränderung der Lebensumstände der Menschen zutreibt:
„Wer Transzendenz dingfest macht, dem kann mit Recht, so wie von Karl Kraus, Phantasielosigkeit, Geistfeindschaft und in dieser Verrat an der Transzendenz vorgeworfen werden. Ist dagegen die sei's noch so ferne und schwache Möglichkeit von Einlösung im Seienden ganz abgeschnitten, so würde der Geist zur Illusion, schließlich das endliche, bedingte, bloß seiende Subjekt als Träger von Geist vergottet. (...)
Die ideologische Unwahrheit in der Konzeption von Transzendenz ist die Trennung von Leib und Seele, Reflex von Arbeitsteilung."(392f)

Auch Transzendenz muß inhaltlich, material gedacht werden. Hier wird offensichtlich, daß das identifizierende Denken an seine Grenzen stößt. Es muß durch eine Erfahrung und ein Denken überwunden werden, die „intuitiv-mimetische, rationale, körperlich-materiale und metaphysische Elemente" (A.Thyen, Negative Dialektik und Erfahrung, Frankfurt 1989, S. 276) aufweist und mehr als bloßer Index, mindestens aber dies sind.

Die Metaphysik, wie sie Adorno vorschwebt, innerviert den Vorrang des Objektes, sie versucht, sich ihm auf eine nicht-identifizierende, nicht-aneignende Weise zu nähern und den Kantischen Block der Erkenntnis der Dinge selbst hinter sich zu lassen. Diese Art des Zugangs ist tatsächlich die größte Schwierigkeit für Metaphysik und metaphysische Erfahrung. Dennoch ist ein solcher Zugang möglich, Adorno zeigt sein Modell im kindlichen Denken auf:
„Dem Kind ist selbstverständlich, daß, was es an seinem Lieblingsstädtchen entzückt, nur dort, ganz allein und nirgends sonst zu finden sei; es irrt, aber sein Irrtum stiftet das Modell der Erfahrung, eines Begriffs, welcher endlich der der Sache selbst sei, nicht das Armselige, von den Sachen Abgezogene."(366)
Soll eine solche Metaphysik wahrhaft werden, muß sie allerdings sich selbst reflektieren, die Bedingungen ihrer Möglichkeit in der Immanenz ausmachen und sie gleichzeitig übersteigen wollen. Der Widerspruch und seine Erkenntnis gehören wesentlich zu Metaphysik, ein Widerspruch im Wahrheits- und Erfahrungsbegriff, der erfahren und bewußt ausgehalten werden muß.
„Glück, das einzige an metaphysischer Erfahrung, was mehr ist denn ohnmächtiges Verlangen, gewährt das Innere der Gegenstände als diesen zugleich Entrücktes. Wer indessen an derlei Erfahrung naiv sich erlabt, als hielte er in Händen, was sie suggeriert, erliegt Bedingungen der empirischen Welt, über die er hinaus will, und die ihm doch die Möglichkeit dazu allein beistellen. Der Begriff metaphysischer Erfahrung ist anders noch antinomisch, als die transzendentale Dialektik Kants es lehrt. Was an Metaphysischem ohne Rekurs auf die Erfahrung des Subjekts, ohne sein unmittelbares Dabeisein verkündet wird, ist hilflos vor dem Begehren des autonomen Subjekts, nichts sich aufzwingen zu lassen, was nicht ihm selber einsichtig wäre. Das ihm unmittelbar Evidente jedoch krankt an Fehlbarkeit und Relativität. (...) Die Verflüssigung alles Dinghaften ohne Rest regredierte auf den Subjektivismus des reinen Aktes, hypostasierte die Vermittlung als Unmittelbarkeit. Reine Unmittelbarkeit und Fetischismus sind gleich unwahr. Die Insistenz auf jener gegen die Verdinglichung entäußert sich (...) ebenso willkürlich des Moments der Andersheit in der Dialektik, wie diese wiederum nicht (...) in einem ihr jenseitigen Festen zu sistieren ist. Der überschuß übers Subjekt aber, den subjektive metaphysische Erfahrung nicht sich möchte ausreden lassen, und das Wahrheitsmoment am Dinghaften sind Extreme, die sich berühren in der Idee der Wahrheit. Denn diese wäre so wenig ohne das Subjekt, das dem Schein sich entring, wie ohne das, was nicht Subjekt ist und woran Wahrheit ihr Urbild hat."(367f)
Ebenso widersprüchlich ist der Begriff der Hoffnung: Die einzige, metaphysische und damit auch soziale, ethische, materielle Hoffnung auf Erlösung jedweder Art kann nur noch darin bestehen, sich der realen, totalen Negativität bewußt zu werden, den Rekurs auf tröstliche Ideen, Werte und Ideale, Meinungen, Tatsachen und Wahrheiten fallenzulassen und die Hoffnung ebenso absolut und umfassend zu verstehen, wie sie gleichzeitig aufzugeben.
„Die christliche Dogmatik, welche die Erweckung der Seelen mit der Auferstehung des Fleisches zusammendachte, war metaphysisch folgerechter, wenn man will: aufgeklärter als die spekulative Metaphysik; so wie Hoffnung leibhafte Auferstehung meint und durch deren Vergeistigung ums Beste sich gebracht weiß. Damit indessen wachsen die Zumutungen metaphysischer Spekulation unerträglich an. Erkenntnis neigt sich tief auf die Seite der absoluten Sterblichkeit, dem ihr Unerträglichen, vor dem sie sich zum absolut Gleichgültigen wird. Dazu treibt die Idee von Wahrheit, unter den metaphysischen die oberste. Wer an Gott glaubt, kann deshalb an ihn nicht glauben. Die Möglichkeit, für welche der göttliche Name steht, wird festgehalten von dem, der nicht glaubt. (...) Hoffnung auch nur zu denken, frevelt an ihr und arbeitet ihr entgegen." (393f)
Jede Hoffnung, auch die metaphysische ist in ihrem Begriff auf die Einrichtung des Lebens bezogen, bleibt aber paradox, solange dieser Bezug nicht erkannt und verwirklicht wird:
„Ist keine Hoffnung ohne Stillung der Begierde, dann ist diese wiederum eingespannt in den verruchten Zusammenhang des Gleich um Gleich, eben des Hoffnungslosen. (...) Negativ, kraft des Bewußtseins der Nichtigkeit, behält die Theologie, gegen die Diesseitsgläubigkeit recht. Soviel ist wahr an den Jeremiaden über die Leere des Daseins. Nur wäre sie nicht zu kurieren von innen her, dadurch, daß die Menschen anderen Sinnes werden, sondern einzig durch die Abschaffung des versagenden Prinzips. Mit ihm verschwände am Ende auch der Zyklos von Erfüllung und Aneignung: so sehr sind Metaphysik und Einrichtung des Lebens ineinander."(371)
Trotz aller Affinität zum Nihilismus, verstanden als Abwesenheit und Kritik jedes positiven Sinnbegriffs verweigert sich Adornos Philosophie einer so strikten Klassifizierung, wehrt sich gegen „Ticket-Denken". Wahr ist der Nihilismus „nur als Schlag auf die beteuernde Phrase."(370)
Angesichts des Leidens (bei diesem hat Adorno den Holocaust immer wenigstens mit im Sinn) und wollte man, nach utilitaristischem Brauch, eine Durchschnittsrechnung anstellen, wäre es wohl tatsächlich besser, jedenfalls für den Leidenden, wenn nichts wäre. Im täglichen Leben fehlt dem Menschen aber (zum Glück ?) die Fähigkeit, sich dieses in jedem Moment vor Augen halten zu können, und, wie Adorno sagt, „vorm Aufleuchten eines Auges, ja vorm schwachen Schwanzklopfen eines Hundes, dem man einen guten Bissen gegeben hat, den er sogleich vergißt" (373) verflüchtigt sich diese Erkenntnis augenblicklich.
„Auf die Frage, ob er ein Nihilist sei, hätte ein Denkender mit Wahrheit wohl zu antworten: zu wenig, vielleicht aus Kälte, weil seine Sympathie mit dem was leidet zu gering ist. Im Nichts kulminiert die Abstraktion, und das Abstrakte ist das Verworfene (...) Solcher Nihilismus impliziert das Gegenteil der Identifikation mit dem Nichts (Beckett)."(373f)
Dialektik muß sich letzten Endes gegen sich selbst kehren, denn auch der, der das Absolute ein schlechthin Inkommensurables nennt, denkt es doch, auch Dialektik muß im Medium des Begriffs bleiben, in ihr bleibt das Absolute immer durch sie mit dem endlichen Denken vermittelt und abhängig.
„Die Kritik an allem Partikularen, das sich absolut setzt, ist die am Schatten von Absolutheit über ihr selbst, daran, daß auch sie, entgegen ihrem Zug im Medium des Begriffs verbleiben muß. Sie zerstört den Identitätsanspruch, indem sie ihn prüfend honoriert. Darum reicht sie nur soweit wie dieser. Er prägt ihr als Zauberkreis den Schein absoluten Wissens auf. An ihrer Selbstreflexion ist es, ihn zu tilgen, eben darin Negation der Negation, welche nicht in Position übergeht. Dialektik ist das Selbstbewußtsein des objektiven Verblendungszusammenhangs, nicht bereits diesem entronnen. Aus ihm von innen her auszubrechen ist objektiv ihr Ziel. Die Kraft zum Ausbruch wächst ihr aus dem Immanenzzusammenhang zu; auf sie wäre, noch einmal, Hegels Diktum anzuwenden, Dialektik absorbiere die Kraft des Gegners, wende sie gegen ihn; nicht nur im dialektisch Einzelnen sondern am Ende im Ganzen. Sie faßt mit den Mitteln von Logik deren Zwangscharakter, hoffend, daß er weiche. Denn jener Zwang ist selber der mythische Schein, die erzwungene Identität. Das Absolute jedoch, wie es der Metaphysik vorschwebt, wäre das Nichtidentische, das erst hervorträte, nachdem der Identitätszwang zerging. Ohne Identitätsthese ist Dialektik nicht das Ganze; dann aber auch keine Kardinalsünde, sie in einem dialektischen Schritt zu verlassen. Es liegt in der Bestimmung negativer Dialektik, daß sie sich nicht bei sich beruhigt, als wäre sie total; das ist ihre Gestalt von Hoffnung." (397f)
„Erheischt negative Dialektik die Selbstreflexion des Denkens, so impliziert das handgreiflich, Denken müsse, um wahr zu sein, heute jedenfalls, auch gegen sich selbst denken. Mißt es sich nicht an dem äußersten, das dem Begriff entflieht, so ist es vorweg vom Schlag der Begleitmusik, mit welcher die SS die Schreie ihrer Opfer zu übertönen liebte." (358)


Zwei Momente der Adornoschen Vorstellung von Metaphysik verdienen besondere Erwähnung, da sie für die konkrete Durchführung des „Projektes Metaphysik" brauchbare Ausgangspunkte bieten und schon im Seminar zur Sprache kamen, bzw. bei Habermas' Adorno-Verständnis wohl eine wichtige Rolle spielen: Die Relevanz des Körperlichen, Leiblichen und die Bedeutung der ästhetik / Kunst. Beide sollen einen gleichsam „mimetisch-reflexiven" Zugang zu den Objekten der Erkenntnis öffnen.
-> Für Metaphysik unverzichtbar ist die Besinnung auf die Relevanz des Innerweltlichen für die Stellung des Bewußtseins zu philosophischen/metaphysischen Fragen, die in jeden Gedanken eingehen muß. Metaphysik wird zu Materialismus genötigt, seit Auschwitz muß sie sich sorgen um die somatische sinnferne Schicht des Lebendigen. Gleichzeitig hat die Sorge um diese Schicht, wenn sie angemessen weit getrieben wird, eine unleugbare und praktisch relevante metaphysische Dimension. Am Leiden von Auschwitz „läßt leibhaft das Moment des Hinzutretenden am Sittlichen sich fühlen."(358)
Im Bezug zum unerträglichen physischen Leiden hat Metaphysik statt. Vielleicht sogar nur dort, da sie sonst „Unrecht an den Opfern" (354) wäre, mit der Erfahrung unvereinbare geistige Beschwichtigung. Dies ist keineswegs übertrieben moralisierend, sondern Aufweis eines Bereichs, in dem trotz ihrer anderweitigen Verflüchtigung Metaphysik in der von Adorno umschriebenen material gehaltvollen Weise möglich ist, und in dem sie notwendig zu seiner Reflexion dazugehört.
Auch abgesehen von so „extremen" Themen wie dem Holocaust bietet die Leiblichkeit einen Ansatzpunkt, dem Begriff sich entziehende Momente des Objekts der Erkenntnis zu erfahren, das begrifflich-identifizierende Denken transzendierende Gehalte oder Verweise sowohl des Objekts als auch des erkennenden, leibhaftigen und individuellen Subjekts selbst aufzuspüren.
„Wem es gelänge, auf das sich zu besinnen, was ihn einmal aus den Worten Luderbach und Schweinstiege ansprang, wäre wohl näher am absoluten Wissen, als das Hegelsche Kapitel, das es dem Leser verspricht, um es ihm überlegen zu versagen. Theoretisch zu widerrufen wäre die Integration des physischen Todes in die Kultur, doch nicht dem ontologisch reinen Wesen Tod zuliebe, sondern um dessentwillen, was der Gestank der Kadaver ausdrückt und worüber deren Transfiguration zum Leichnam betrügt." (359)
->„(...) mit dem Verdikt über den Schein bricht die Reflexion nicht ab. Seiner selbst bewußt ist er nicht mehr der alte. Was von endlichen Wesen über Transzendenz gesagt wird, ist deren Schein, jedoch, wie Kant wohl gewahrte, ein notwendiger. Daher hat die Rettung des Scheins, Gegenstand der ästhetik, ihre unvergleichliche metaphysische Relevanz."(386)
„Zuschauen" als ästhetische Haltung, interesseloses Interesse könnte ein Weg sein, der über die Verblendung des selbsterhaltenden Motivs hinausführt, „die zuschauerhafte Haltung drückt den Zweifel aus, ob denn dies alles sein könne." (356) Sie ist ein Ausweg aus der Alternative zwischen Ataraxie und Vertiertheit des Involvierten. Beides sei falsches Leben und die zuschauerhafte Haltung als Einstiegspunkt für Kunst Ansatz einer möglichen nicht von vornherein falschen Praxis. Kunst wird dabei als rationaler, reflektierter Umgang mit dem Begriff entfliehenden Gehalten verstanden, als Paradebeispiel für „Denken in Konstellationen".
„Nicht zwar vermag Metaphysik aufzustehen (...), vielleicht aber entsteht sie erst mit der Realisierung des in ihrem Zeichen Gedachten. (...) Narretei ist Wahrheit in der Gestalt, mit der die Menschen geschlagen werden, sobald sie inmitten des Unwahren nicht von ihr ablassen. Noch auf ihren höchsten Erhebungen ist Kunst Schein; den Schein aber, ihr Unwiderstehliches, empfängt sie vom Scheinlosen. Indem sie des Urteils sich entschlägt, sagt sie, zumal die nihilistisch gescholtene, es sei nicht alles nur nichts. Sonst wäre, was immer ist, bleich, farblos, gleichgültig. Kein Licht ist auf den Menschen und Dingen, in dem nicht Transzendenz widerschiene. Untilgbar am Widerstand gegen die fungible Welt des Tauschs ist der des Auges, das nicht will, daß die Farben der Welt zunichte werden. Im Schein verspricht sich das Scheinlose." (396f)

Zuletzt will ich betonen, daß sich für Philosophie aus Adornos Sichtweise von Rationalität keineswegs abdankende Konsequenzen ergeben (vgl. Habermas, Erläuterungen zur Diskursethik, Ffm 1991, S. 183). Negative Dialektik ist ja gerade begriffsgeleitete, philosophische Selbstreflexion als immanente Kritik.
„Dieser Prozeß ist ein diskursiver; Versöhnung ist nicht der Kunst vorbehalten, sondern vollzieht sich im Medium des Begriffs - was Adorno im übrigen auch für die Kunst nicht bestreitet." (A. Thyen, a.a.O., S. 287)
„Die 'Negative Dialektik' ist der Versuch, unter Bedingungen der subjektiv-instrumentellen Vernunft material zu philosophieren, kritische Ansprüche nicht aufzugeben, sondern sie im Medium der Reflexion als erfahrbare auszuweisen. Die dialektische Rationalität, die dafür in Anspruch genommen wird, begründet Dialektik als Medium eines diskursiven Erkenntnisprozesses. Für Adorno ist Dialektik unter den Bedingungen der Paradoxien der Moderne gewissermaßen ihr eigentlicher Ernstfall. In dieser Situation philosophischen Denkens ist die Rationalität des Nichtidentischen nicht auf eine Diskursivität reduzierbar, die die Rekonstruktion universeller Regeln der Kommunikation mit der Erfahrung dessen, worüber kommuniziert wird, identifiziert. Die Rationalität des Nichtidentischen und die Rationalität der Verständigungsorientierung haben einen unterschiedlichen Status. Sie unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich der theoretischen Strategien, die sie verfolgen, sondern auch hinsichtlich der Intentionen und der möglichen Gehalte diskursiver Erfahrungsbildung." (A. Thyen, a.a.O., S. 267)
„Metaphysik ist, dem eigenen Begriff nach, möglich nicht als ein deduktiver Zusammenhang von Urteilen über Seiendes. Genausowenig kann sie nach dem Muster eines absolut Verschiedenen gedacht werden, das furchtbar des Denkens spottete. Danach wäre sie möglich allein als lesbare Konstellation von Seiendem. Von diesem empfinge sie den Stoff, ohne den sie nicht wäre, verklärte aber nicht das Dasein ihrer Elemente, sondern brächte sie zu einer Konfiguration, in der die Elemente zur Schrift zusammentreten. Dazu muß sie sich auf das Wünschen verstehen.(...) Gegenstand von Kritik ist darum nicht das Bedürfnis im Denken, sondern das Verhältnis zwischen beiden." (399)


III

Um den - zugegebenermaßen ein wenig unvermittelten, späten und flüchtigen - Versuch zu machen, das Referat in das Seminar und seinen Kontext einzubinden, also Adorno und seine „Verteidigung" der Metaphysik in Relation zu Habermas' Ablehnung derselben zu setzen, stehen uns zwei Möglichkeiten zur Auswahl: Beide Theorien, beide Deutungen der Moderne mitsamt ihren normativen Unterstellungen und Ansprüchen werden unvermittelt nebeneinander gestellt, wobei versucht wird, die Differenzen besonders herauszuarbeiten. Dann kann in einer Art „reflective equilibrium" erwogen werden, welche Deutung der akuten Probleme, welche Rekurse auf welche Werte und welche Argumente und Schlußfolgerungen uns plausibler, angemessener und / oder unverzichtbar erscheinen. Oder, und diese Möglichkeit würde wohl sowohl dem Adornoschen wie auch dem Habermasschen Anliegen gerechter, wir bemühen uns um eine „immanente Kritik" der Habermasschen Theorie.

  1. Habermas hat einen positiven Rationalitätsbegriff aus regelgerechter Verwendung von Wissen und hinsichtlich dreier Geltungsansprüche differenzierter diskursiver Einlösung von Geltungsanspüchen durch jeweils geeignete Gründe. Seine Utopie ist die von ungestörter Kommunikation, die in (sei es auch kontrafaktischen) Argumentationsunterstellungen immer schon am Werke ist. Daher muß er normativ eine Aufklärung und Einlösung dieser Unterstellungen fordern, die in - in der Lebenswelt tatsächlich statthabender - immanenter kommunikativer Rationalität vorhanden sind. über die in dieser und ihren Geltungsansprüchen explizierbaren semantischen Gehalte hinausgehende Vorstellungen, namentlich metaphysische, muß er entweder ihres transzendenten Anspruchs entkleiden und auf faktische Verhältnisse/Bedürfnisse oder die bei ihm etablierten Geltungsansprüche zurückführen, oder er muß sie als konventionelle „Augenwischerei", falsche Theorie verurteilen, die den Blick auf die waltende Rationalisierung/Differenzierung und ihr positives Potential verstelle.
    Mehr oder weniger unabhängig davon, trotzdem jedoch parallel dazu proklamiert Habermas eine (fragwürdige) Geschichte gesellschaftlicher Rationalisierung, die nicht nur Auschwitz ignoriert, bzw. als Rückschlag abtut, sondern deren Telos und deren positive Wertung es verbietet, die Ausdifferenzierung verschiedener Geltungssphären und -ansprüche rückgängig machen zu wollen, obwohl zugestandenermaßen durch sie der „Integrationsaufwand" so gestiegen ist, daß er fast nicht mehr zu leisten ist. Habermas sieht in der Differenzierung/Trennung der verschiedenen Geltungsansprüche, der Herausbildung ihnen entsprechender Expertenkasten und -diskursen, in den „großartigen Verein- seitigungen" der Moderne den eigentlichen Kern des Fortschritts.

    Adornos skeptisches, mindestens dialektisches Verständnis von Vernunft, Fortschritt und Aufklärung sieht die Probleme der Moderne nicht im identifizierenden Denken selbst (gemeint ist hier immer die Identifikation von etwas mitetwas anderem), sondern in dessen Erhöhung seiner selbst zum Ganzen (der Vernunft, des Denkens, der Welt als dessen, was der Fall ist). In der Moderne fällt die Vernunft nach Adorno auf sich selbst, d.h. auf ihr eigenes Identitätsprinzip herein. Dieses leugnet nicht nur das Nichtidentische a priori, sondern produziert es gleichsam, ohne davon Rechenschaft geben zu können. In einer solchen Gestalt macht die Vernunft nicht nur das Bestehende unerträglich - für die nicht-identifizierten und nicht-identifizierbaren Gestalten des Bewußtseins und der Welt -, sondern sie diskreditiert jede Perspektive, die über den bestehenden Immanenzzusammenhang hinausweist. Um vernünftige Verhältnisse, im Sinne einer „vollen Vernunft", schaffen zu können, muß die Vernunft in Gestalt identifizierenden Denkens mit ihrem eigenen Prinzip konfrontiert und so über sich selbst, über ihre anderen Momente - metaphysische, mimetische, somatische - aufgeklärt werden. Indem er die identifizierenden Begriffe, sogar im Medium der identifizierenden Vernunft, mit ihrem eigenen Anspruch konfrontiert, stößt Adorno auf Widersprüche. Diese sind nicht in der Subjektphilosophie begründet, sondern das Nichtidentische unter dem Aspekt der Identität - und zwar in allen Formen auch kommunikativer Rationalität. über den mikrologischen Blick und das Denken in Konstellationen will Adorno diese über den Begriff hinausgehenden Gehalte des Begriffs rational erschließen.
    „Die Utopie der Erkenntnis wäre, das Begriffslose mit Begriffen aufzutun, ohne es ihnen gleichzumachen." (ND, S.21)
    Dies führt Adorno im Medium begrifflicher Reflexion in der „Negativen Dialektik" durch, was allerdings Habermas - mit einem hilflosen Literaturverweis statt einer Begründung - bestreitet. (vgl. Habermas, ThKH I, S.498)
    Die Idee der Versöhnung, der wahrhaft vernünftigen Verhältnisse bleibt bei Adorno - Resultat und Ursache seiner skeptischen Sichtweise der Moderne - zwar auf tatsächliche Verwirklichung angelegt, gleichwohl utopisch. Kritisches Denken ist auf Metaphysik als permanente Artikulation eines Anspruchs auch übersteigung der Immanenz, des Strebens nach Versöhnung mit dem Begriffslosen und als wie auch immer vergeblicher Gestus des transzendierens noch vor jeder inhaltlichen und materialen Füllung von „Metaphysik" (,die jedoch trotzdem in jeder gesellschaftlich-historischen Situation zu erfolgen hat) angewiesen, bzw. Kritisches Denken als solcher Anspruch und Gestus ist immer auch metaphysisch.


  2. Leider ist in diesem Rahmen eine ausformulierte Immanente Kritik der Habermasschen Theorie, bzw. seiner Ablehnung von Metaphysik nicht zu liefern. Ich beschränke mich auf einige Notizen, die mögliche Ansatzpunkte einer solchen Kritik nahelegen sollen. Im Sinne Adornos wäre an Habermas in dessen eigener Terminologie und mit dessen eigenen Argumentations- und Rationalitätsmaßstäben zu zeigen,


Ich bin der Meinung, daß wenigstens einige der angesprochenen Kritik-Aufgaben zu lösen sind, ja daß sie sogar im Rahmen etwa der Dialektik der Aufklärung oder der Negativen Dialektik schon durchgeführt sind und nur noch einer terminologischen Aktualisierung/Anpassung bedürften, um gegen Habermas zu ziehen.
Die generelle Offenheit gegenüber einer solchen immanenten Kritik bekundet Habermas selbst in einem etwas bizarr anmutenden Moment, im Philosophischen Diskurs der Moderne auf S. 366: Die Stärke, Tragweite und Repräsentanz dieses Beispiels müßten freilich diskutiert werden, es sieht jedoch dort so aus, als müßte nur Albrecht Wellmer hergehen und zeigen, „daß sich die Stimmigkeit eines Kunstwerkes, das sog. Kunstwahre, keineswegs umstandslos auf Authentizität oder Wahrhaftigkeit zurückführen läßt", und schon erweitere Habermas ohne mit der Wimper zu zucken die ursprünglich konzeptuell doch recht wesentlichen drei Geltungsansprüche: „Die kommunikative Vernunft findet ihre Maßstäbe an den argumentativen Verfahren der direkten oder indirekten Einlösung von Ansprüchen auf propositionale Wahrheit, normative Richtigkeit, subjektive Wahrhaftigkeit und ästhetische Stimmigkeit."
Dies zieht natürlich sogleich die Fragen nach sich, ob nicht weitere Ansprüche hinzukommen könnten, welche Konsequenzen allein schon dieser Geltungsanspruch ästhetischer Stimmigkeit für die Konzeption argumentativer Einlösung von Geltungsansprüchen hat und ob nicht diese immer weniger greif- und anwendbar und in the long run unhaltbar wird.


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