~~META: creator=Andreas Wagner &date created=2009-09-30 &date modified=2009-09-30 ~~

Diskussion vom 28.9.09

Wir haben über die Ambivalenz der Vitoriaschen Theorie des gerechten Krieges gesprochen: Eine jede solche Verrechtlichung erlaubt es ja einerseits, den Krieg einzuhegen, ihm Schranken und Kriterien aufzuerlegen, deren Nichteinhaltung direkt die Illegitimität des Krieges bedeutet; andererseits versieht sie den Krieg, wenn die Kriterien eingehalten werden, mit einer rechtlichen Würde und dem Charakter des Normalen, die selbst schon problematisch sein können. Besonders prekär ist dann natürlich, dass für Vitoria die kriegführenden Parteien bzw., im Rahmen der offenkundig asymmetrischen Situation in Amerika, der spanische König über die Einhaltung der Kriterien entscheiden/t – und es stellt sich die Frage, warum Vitorias Recht des gerechten Krieges überhaupt als Recht gelten können soll.

Denn es ist offenbar schonmal keine Sammlung öffentlicher Regeln zur Konfliktbeilegung, welche durch eine von den beteiligten Parteien unabhängige Instanz in Anschlag gebracht (und durchgesetzt) werden. Und unabhängig davon, als wie interpretationsoffen man die Formulierungen im Detail beurteilen mag, das eigentliche Problem bleibt, dass sie durch eine Partei interpretiert werden. Eine Vermeidung der Instrumentalisierung dieses Kriegsrechts scheint so schwerlich möglich1) und es erhebt sich die Frage, ob das Recht zur Kriegführung bei aller Beschränkung nicht doch für die „Indianer“ fatale Folgen hat.

Ernüchternd auch, dass Vitoria dieses Problem zwar sieht und als Antwort einige Mechanismen vorschlägt, dass aber ausgerechnet hier seine Figur der Weltrechtsgemeinschaft gar keine Arbeit leistet.2) Spürt man den Qualifizierungen der kriegsbegründenden iniuria nach, so finden sich zunächst nur quantitative Kriterien (wie Angemessenheit und „overall benefit“), dann auch prozedurale (es bedarf der mühevollen Beratung und Beschlussfassung eines Gremiums aus „vielen Weisen“) und, wenn man zurück in De Indis blickt, schließlich materiale (es werden die Vergehen der systematischen Tötung Unschuldiger und des Kannibalismus genannt)3)

Bei der Beschäftigung mit den einzelnen legitimen Titeln kamen wir erneut auf die Kritik Anghies zu sprechen, dass Vitorias Untersuchungen einerseits einen kulturellen Chauvinismus aufweisen (dem konnten wir uns erneut nicht anschließen; selbst die Stelle mit den Kindern, die in Vormundschaft genommen werden müssen, scheint insgesamt in hypothetisch-irrealer Weise formuliert zu sein), andererseits hinter formal gleichen Rechten die verschiedenen Interessen ungleich (zur Kenntnis nehmen und) bedienen. Das oben formulierte Bedenken der Willkürlichkeit in Ermangelung einer unabhängigen Gerichtsbarkeit wird wohl durch keinen dieser beiden Vorbehalte wiedergegeben. Man könnte aber, dies war ja ein Punkt, der Anghie am Herzen lag, z.B. das Recht der „Reisefreiheit“ in der zweiten Weise verstehen:

Bei aller Gleichheit und Reziprozität dieses Rechts (“… wie, wenn die Indianer uns entdeckt hätten…“) bezeichnet es material gesehen ein Recht, das natürlich europäischen Interessen dient. Ob diese Interessen tatsächlich universalisierbar sind, oder ob nicht eine Gesellschaft auch ein Interesse daran haben könnte, Reisende nicht zuzulassen, wird von Vitoria überhaupt nicht thematisiert. So kann ihm die spanische Siedlungstätigkeit von vornherein nicht als eine Verletzung der Rechte der Indianer erscheinen, und ihre Gegenwehr nicht als Verteidigungshandlung, sondern als Aggression, die ausreichender Grund für einen gerechten Kriegsakt ist.

Dagegen kann zweifach argumentiert werden: Einerseits könnten Stellen gesucht werden, an denen Vitoria doch solche Entwicklungen als Verteidigung der Indianer gegen spanische Aggression anerkennt (und in der Konsequenz ihre Untauglichkeit als Kriegsgrund feststellt; mindestens die Stellen zu einem von beiden Seiten gerechten Krieg müsste man sich daraufhin noch einmal anschauen). Andererseits kann herausgearbeitet werden, dass die Formulierung eines Rechts auf Reisefreiheit von Vitoria nicht durch eine (durch seine partikulare Perspektive verzerrte) Vernunft-Herleitung erfolgt, sondern, wenigstens dem Wortlaut nach, die faktisch gewohnheitsrechtlichen Verhältnisse bei allen Völkern wiedergibt. Die Stichhaltigkeit dieses Anspruchs muss natürlich zuerst überprüft werden, aber wenn er standhält, muss die Kritik der Rechts auf Reisefreiheit ganz anders operieren als in der Antwort auf eine vernunftrechtlich gewonnene Norm. Die an Abschottung interessierten Gesellschaften hätten jedenfalls noch eher als mit Vitoria ein Problem mit der globalen Rechtsgemeinschaft. (Wenn es denn eine solche gibt; dazu vielleicht ein andermal mehr.)

Wir treffen uns das nächste Mal am 2. November um 15 Uhr c.t. und nehmen die Sekundärtexte zu Las Casas (Delgado, Pennington) hinzu, und finden vielleicht bis dahin auch noch einen bündigen und einschlägigen Primärtext von Las Casas.

1) Aus diesem Grund – der Unsicherheit bei der Interpretation materialer „guter“ Kriegsgründe – beinhaltet etwa die UN-Charta ein generelles Gewaltverbot, das nur durch Beteiligung von Institutionen der UN, also von (vermeintlich) unparteiischen Institutionen außer Kraft gesetzt werden kann. Erst vor einem solchen neutralen Forum macht der Rekurs auf „gute“ Gründe Sinn.
2) Trotz der Rolle, die das Wohl der communitas totius orbis als möglicher Kriegsgrund spielt, gibt es keine Stelle – oder doch? –, an der Vitoria auch nur hypothetisch eine praktische Mitwirkung des totus orbis an der Feststellung von Kriegsgründen bzw. an der Beurteilung der Berechtigung/Gerechtigkeit eines Krieges erlaubt.
3) Vielleicht andere? Wie ist es mit der „Beleidigung“ von Fürsten oder Gemeinwesen?
Posted 16.01.2013 02:26 ·

Diskussion

Andreas WagnerAndreas Wagner, 22.10.2009 00:41

Ich habe das Wiki-System aktualisiert und dabei sind mir offenbar die Kommentare verloren gegangen. Ich habe alle (aus dem Backup) durchgeschaut und da war eigentlich nichts drin, so dass ich jetzt nicht noch weitere Stunden daran setze, sie wieder herzustellen… Jetzt geht aber wieder alles.

salamanca/blog/2009/09_30_1403_diskussion_vom_28.9.09.txt · Zuletzt geändert: 22.10.2009 00:24 von awagner_mainz
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