~~META: creator=Andreas Wagner &date created=2010-01-22 &date modified=2010-01-22 ~~

Diskussion vom 22.1.10

Wir haben uns vorgenommen, mit den beiden Sekundärtexten (Dussel, „Alterity and Modernity“ und Todorov, „Gleichheit oder Ungleichheit“ bzw. „Sklaverei, Kolonialismus und Kommunikation“) beim nächsten Mal noch einmal weiterzumachen.

Wir haben heute schon einmal die Dusselsche Begrifflichkeit von „truth claims“ und „validity claims“ andiskutiert, sind uns aber weder schon über die systematische Einordnung im Klaren, noch darüber, was die (beiden) Rekonstruktion(en) an Rückschlüssen über das Verhältnis von Las Casas und Vitoria zu einer postkolonialen Perspektive erlaubt(en). Der Zynismus-Vorwurf, den Dussel an Vitorias Formulierung von universellen Rechten aus der Perspektive eines europäischen Wirtschaftsakteurs richtet, wirkt jedenfalls merwürdig angesichts Las Casas' Bekräftigung der indianischen Opferung von Menschen als einer sogar ethisch gebotenen Praxis bzw. an der Einschränkung dieser Bekräftigung, dass diese ja nur für eine „lengthy period of dissent“ gelte.

Ohne damit eine Wiedergabe der heutigen Diskussion zu beanspruchen und ohne der Diskussion vom nächsten Mal vorgreifen zu wollen, würde ich gerne eine weiter Überlegung zur Diskussion stellen, die die Frage der „Internationalität“ noch einmal wendet:

Der Vorwurf an Vitoria, ausgehend von einem abstrakten Rechtsbegriff zu einzelnen Recht zu gelangen, in deren Genuss in der Praxis nur eine partikulare Gruppe kommt (die europäischen „Händler“, die in der Praxis brutale encomenderos sind), war auch schon bei Anghie aufgetaucht. Wir hatten damals vom Kultur-Chauvinismus-Vorwurf den Abstraktions-Vorwurf unterschieden und diesen mit dem Beispiel des gleichen Rechts aller, unter den Brücken zu schlafen, das faktisch ungerechte Verhältnisse nur legal zementiert, illustriert. In diesem Sinne trägt der Vorwurf sicherlich ein ganzes Stück weit und Dussel wäre zuzustimmen, dass Vitoria kein wahrhaft internationales, sondern ein metropolitanes, imperiales Recht formuliert.

Aber bei Las Casas (der seine Rechte aus der Perspektive der „Subalternen“ [?] formuliert) scheint es vielleicht gar kein Völkerrecht zu geben, das einzelnen Individuen zukommt: So haben Gemeinschaften ihm zufolge das Recht, Staaten, Individuen und Argumente zurückzuweisen. [Möglicherweise ist dieses Recht auch das einzige Völkerrecht bei ihm?] Die Rechte von (fremden) Individuen hängen jedenfalls offenbar vollständig von den Überzeugungen der lokalen Gemeinschaft ab. [Käme hier dann der „validity claim“ zum Tragen, der weitere Rechte eröffnete? Aber sind es auch Rechte?] Will man hingegen doch völkerrechtliche Rechte Einzelner formulieren, die weder von der „aufnehmenden“ Gesellschaft, noch vom Rechtsverständnis der Metropole oder eines imperialen Zentrums abhängen, kommt man in praktische Schwierigkeiten. Denn wie sollen solche Normen identifiziert werden, wenn man dem eigenen Universalismus nicht mehr blind traut, eine partikularistische Position aber keine Normen formulieren kann, die in verschiedenen partikularen Gemeinschaften Geltung beanspruchen kann?

Könnte eine – zum Verzicht auf solche universellen Normen alternative – Antwortstrategie darauf nicht sein, die Rechtspraxis verschiedener Gemeinschaften, zentral und periphär, von unterschiedlichster Überzeugung – etwa China, Indien, die arabischen, vielleicht auch andere afrikanische Staaten, indianische Gemeinwesen usw. – zu vergleichen und universell geltende Normen empirisch zu suchen. Aber genau das macht Vitoria doch, der das Völkerrecht in ebenso starkem Maße als positives Recht denn als vernünftig aus Naturrecht ableitbar versteht. Und der damit ein viel alteritätsoffeneres Völkerrecht hat als Las Casas, für den ein Rechtssystem sich vielleicht öffnen kann, aber nicht wesentlich intern auf sein Außen verwiesen ist. (Oder?)

Am Hospitalitätsrecht wird die Problematik vielleicht prägnant deutlich: Dieses schon im Codex des Hammurabi und in zahlreichen weiteren Rechtskulturen auffindbare Recht wird von Vitoria an prominenter Stelle und unter Berufung auf seine universelle Verbreitung mobilisiert und dient doch in Südamerika nur den ausbeuterischen europäischen Interessen. Was aber folgt daraus? Warum ist die Diskreditierung des Rechts und vielleicht die Formulierung eines Gegen-Rechts angesichts konkreter faktischer Asymmetrien und aus der einen besonderen Perspektive der in diesen Asymmetrien Benachteiligten alteritäts-angemessener als die Formulierung des Rechts auf der Basis der unterschiedlichsten Praktiken in the first place.

Als Belohnung fürs Lesen gibt's auch noch den Termin fürs nächste Mal: Freitag, 5. März, 11 Uhr.

Posted 16.01.2013 02:26 ·
salamanca/blog/2010/01_22_2317_diskussion_vom_22.1.10.txt · Zuletzt geändert: 23.01.2010 00:11 (Externe Bearbeitung)
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